Samstag, 18. August 2012

Unbegabt

"Das ist aber ein schönes Bild, so bunt. Soll das ein Herbstwald sein?"
"Nein, das ist eine Giraffe!"

So fing es an. Malen war nie meins. Unglücklicherweise malt man sehr viel in seiner Schullaufbahn. Eigentlich werden die Bilder immer anspruchsvoller... mit Fluchtpunkten und Aquarell. Und jeder meiner Klasse entwickelte sich weiter. Die Bilder wurden ausgehängt und die Eltern konnten stolz die Werke ihrer Kinder bestaunen. Meine Eltern nicht. Nie. Die Bilder verschwanden vor der Ausstellung auf mysteriöse Weise. Vielleicht auch Glück für meine Eltern, sonst hätten sie das Trauerspiel noch schön reden müssen.
Einmal sollten wir uns einen Arbeitspartner suchen und ein Portrait zeichnen. Mein Arbeitspartner hat danach nie wieder mit mir gesprochen.

Ton- und Holzfiguren waren da schon einfacher... die Arbeit mit nach Hause nehmen, das Häufchen Elend Mutter in die Hand drücken, die glücklicherweise ein besseres Händchen dafür hatte, und machen lassen. Sie hat eine glatte 2 dafür bekommen.

Es ist nicht so, als hätte ich nicht gewollt, aber ich konnte es einfach nicht. Das hält sich hartnäckig bis heute.

Man kann ja nicht alles können. Dafür könnte man ja sportlich sein. Nunja. Nein. Ich habe mir während des Sportunterrichts zwei Mal den Arm gebrochen. Nicht bei extravaganten Turnübungen, Stabhochsprung oder waghalsigen Figuren am Reck oder an den Ringen. Soweit wäre ich nie gegangen. Ich habe Geräteturnen ohnehin gehasst. Dieser blöde Bock wurde beim Daraufzulaufen immer höher... ein Wolkenkratzer und das vergleichsweise minimalistische Sprungbrett verschwindend klein. Grundsätzlich habe ich eine Sekunde vorher abgedreht und mich wieder hinten in die Schlange eingereiht.
Den Arm hatte ich mir beide Male beim Joggen gebrochen. Einmal bin ich ausgerutscht, das andere Mal gegen die Wand gelaufen. Ja, ich bin schon eine Sportskanone.
Ballspiele endeten in einer Katastrophe. Badminton hat sich mir bis heute nicht erschlossen: ein derart winziger Schläger für einen vergleichsweise großen Ball... Und das Netz... wieso muss da ein Netz hängen?
Brennball.. für mich ein winzig kleiner Ball, den man in der Unendlichkeit der Sporthalle aufheben - im schlimmsten Fall - fangen muss.
Bei Fußball endete der Spaß gänzlich, nachdem ich mit voller Wucht derart heftig angeschossen wurde, dass ich wie ein Pappmännchen zu Boden ging.

Sportfeste waren der Gipfel meiner Erniedrigung. Es gibt viele Fotos mit den Teilnehmern, die stolz ihre Ehren- und Siegerurkunden in den Händen halten. Von mir nicht. Ich war grundsätzlich froh, wenn ich es beim Weitsprung überhaupt in den Sand schaffte, beim Ballwurf niemandem den Ball vor den Kopf warf und beim Laufen die Endmarke erreichte. Mein ganzer Stolz war es, weder mich selbst, noch andere verletzt zu haben.

Aber es gab ja auch Musikunterricht. Angefangen beim Blockflötenspiel. Ich hasse Blockflöten. Dieses dissonante Gefiepe, bei dem man möglichst stolz drein blicken muss, während das Kind mit strahlenden Augen "Alle meine Entchen" zum Besten gibt. Ich habe mich erfolgreich gegen Blockflöten gewehrt und habe mich an dem Keyboard versucht. Nach einigen Übungsstunden und blutenden Ohren meiner Zuhörer gab ich es auf. Zum Wohle meiner Mitmenschen.
Beim Singen im Musikunterricht konnte ich glänzen. Dachte ich. Nach der 3. Stunde nahm unser Musiklehrer mich beiseite. Mit der Bitte, ab sofort nur noch die Lippen zu bewegen, ohne einen Ton zu erzeugen.

Musikalisch bin ich also auch nicht.

All das liegt lange zurück und ich habe mich nie unterkriegen lassen. Grundsätzlich probiere ich neue Sachen aus, um zu sehen, wie talentfrei ich genau in diesem Bereich bin. So weiß ich wenigstens, was ich alles nicht kann. Oder was ich weniger nicht kann.
Bälle, Musikinstrumente und Malwerkzeuge sind aus meinem Leben verschwunden. Ebenso wie eine Werkzeugkiste. Möbel zusammenbauen ist auch eher ein Nicht-Talent von mir. Eigentlich war es nur ein Nachttischchen mit 4 Brettern und 3 Schrauben. Es kostete mich einen Tag, ca. 1 Liter Blut. Schließlich war es fertig, hatte allerdings linkerhand einen Riss von rechts unten nach links oben. Die Kunst ist, es so hinzustellen, dass die Macke nicht mehr auffällt.

Kochen ist ebenso eines meiner vielen Nicht-Talente. Bekannte und Familie nehmen vorher ein großes Mahl ein, denn bei mir gibt es meistens Kleinigkeiten, die zwar gut aussehen können, aber weder satt machen noch besonders schmackhaft sind. Dafür gibt es bei mir genug alkoholische Getränke - als Wiedergutmachung - und zum Nachspülen.

Wenn man nicht-talentiert ist, sollte das größte Talent sein, all sein Nicht-Können charmant zu vertuschen. Es bedarf viel Humor. Und genau das kann ich: über mich selber lachen. Mich davon nicht beeindrucken lassen. Und wenn mich jemand fragt, was ich besonders gut kann, antworte ich: "Nichts. Aber das kann ich richtig gut und mit voller Leidenschaft."

Und dann schaue ich mit verträumten Blick aus dem Fenster und stelle mir vor, wie ich mit einer Gitarre in der Hand an den Ringen Kunststücke vollbringe und nebenher ein Nachttischchen zusammenbaue.





Dienstag, 14. August 2012

Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an...


"Vielen Dank für Ihren Anruf. Leider rufen Sie außerhalb unserer Öffnungszeiten an. Wir sind montags und mittwochs von 10:30 Uhr bis 10:45, dienstags und donnerstags von 11:00 Uhr bis 11:05 Uhr, nachmittags von 16:25 Uhr bis 16:26 Uhr zu erreichen. Freitags haben wir geschlossen."


Zaghafte Versuche zu angegebenen Zeiten sind zumeist erfolglos. Eigentlich hat man nur eine kleine Frage, benötigt eine Auskunft, möchte "nur kurz" etwas ändern. Aus solchen Situationen entsteht eine verzweifelte Verfolgungsjagd, exakt die Sprechzeiten zu erwischen, nicht in der Warteschleife zu landen oder das "Besetztzeichen"  hören zu müssen. In Normalfall gibt der Pessimist nach 3 Tagen mit den Worten "da erreiche ich eh keinen" auf. Der Optimist lässt noch einige Nerven und versucht sein Glück beharrlich ein paar Tage länger. Erfolglos.


Bei solchen Anrufen neigt man dazu, sich ein menschenleeres Großraumbüro vorzustellen, in dem zwar Telefone klingen, das Läuten aber in den verlassenen Hallen leise erstirbt, während Steppenläufer wie in einem schlechten Western durch die Räume fliegen.


Da mittlerweile Frauen sowie Männer ganztags arbeiten, wird die kleine Erledigung zu einem Spießroutenlauf. Gewisse Termine werden auf Urlaubstage verteilt, manches bleibt ganz auf der Strecke oder wird per E-Mail abgearbeitet. Man darf aber nicht meinen, die kurze elektronische Nachricht sei eine Erleichterung. Etwa 3 Wochen später - nachdem diese Aufgabe in unserem Gehirn in den bunt bemalten "Erledigt"-Ordner verschoben wurde - kommt eine elektronische Antwort, dass


a) das folgende 20 Seiten lange Formular ausgefüllt und postalisch zurückgeschickt werden muss


b) man ein Postident benötigt, der worst case!


So wird die Aufgabe wieder in den schwarz behangenen "To-Do"-Ordner unseres Gehirns verschoben. Nun gut, eigentlich wird das Formular sofort im "Papierkorb" abgelegt - ein automatisierter Vorgang.


Das Postidentverfahren an sich ist eine gute Sache - wären da nicht die Öffnungszeiten der Post, die für die arbeitende Bevölkerung nicht geschaffen sind. Und ich möchte damit nicht sagen, dass die Postbeamten nicht arbeiten. Sie sind nämlich sehr wohl vorher und nachher anwesend, nur nicht für den Kunden. Nun könnte man auf die pfiffige Idee kommen, seine Mittagspause zu opfern und schnell zur Post zu fahren. Doch auch hier bleibt man erfolglos, denn die Post hatte die gleiche Idee mit der Mittagspause. So muss man sich entweder samstags früh aus dem Bett hieven oder man verschiebt auch die Aufgabe in den Papierkorb.


Noch schlimmer sind allerdings die Wartezeiten für Telefonanschlüsse. Ein Wunschtermin kein Problem, sofern man den ganzen Tag - und zwar von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr zu Hause sitzt, um auf den Telefon- und/oder Internetanschluss zu warten.
Duschen und längere Sitzungen auf der Toilette sind ausgeschlossen, denn wir können uns sicher sein, dass es genau in dem Moment, wenn man sich auf dem WC häuslich eingerichtet hat oder man mit shampoonierten Haaren unter der Dusche steht, klingelt. Und zwar nur einmal. Reagiert man nicht in den nächsten 20 Sekunden, ist der Termin verfallen und man findet ein fröhliches Zettelchen im Briefkasten mit der Bitte um einen neuen Termin.

Erfahrungsgemäß kommt mein Anschlussmensch NIE vor 18:00 Uhr, das heißt, ich habe vergebens einen Tag Urlaub genommen, den ich nicht mit Freizeitaktivitäten füllen konnte, weil der Herr ja jederzeit hätte eintreffen können. 
Hätte ich ein 20-seitiges Formular, hätte ich dieses jedoch bereits ausfüllen können. Aber nicht abschicken. Ich kann ja nicht aus dem Haus. Jedes - ja, wirklich jedes Mal in solchen Fällen frage ich mich, wo das Problem einer vernünftigen Terminvergabe liegt. Fährt der Fahrer nach Lust und Laune los? Überlegt er während der Fahrt seine Route? Steht er morgens auf und wenn die Sonne scheint, verläuft die Tour von Süden gen Norden? Bei Gewitter von Osten nach Westen? Sollte sich diese Abwicklung jemandem erschlossen haben, möge er mir bitte zum allgemeinen Verständnis einen Kommentar hinterlassen - oder für immer Schweigen.


Behördliche Einrichtungen ... Wir nähern uns langsam der Geduldsgrenze. Die Publikumszeiten sind derart geschickt gewählt, dass man meinen möchte, die Ämter wollen gar nicht, dass ich persönlich vorbei komme! Auch nicht anrufe. Am besten lässt man sie komplett in Ruhe. Das gleiche Theater wie bei der Post, die Büros sind voll, die Leute weigern sich nur, außerhalb der Sprechzeiten ans Telefon zu gehen. Unglücklicherweise hat man bei Ämtern im Normalfall keine Wahl, man muss nunmal. Wieder ein Urlaubstag dahin.


Was aber machen die unglücklichen Mitarbeiter selber, wenn sie zum Amt müssen? Bevor wir nächstes Mal einem Beamten grämig gegenübersitzen, sollten wir ein süffisantes Lächeln aufsetzen und uns sagen, dass auch er sich Urlaub nehmen muss, wenn er etwas Wichtiges in einem anderen Amt zu erledigen hat. 

Und den Leuten der Telefongesellschaft wünsche ich - ganz heimlich - viel Post mit 20-seitigen Formularen. 





Freitag, 10. August 2012

Stilbruch

Es ist nicht so, als wäre ich erzkonservativ. Aber ich finde, unserer Gesellschaft ist etwas Wichtiges verloren gegangen. In einem langsam schleichenden Prozess. Und nun findet man ihn nur noch selten: Stil.

Zuerst aufgefallen ist es mir, als ich vor Jahren Karten für ein klassisches Musical hatte. Ich hatte mich in meinen feinsten Zwirn geschmissen, man geht ja nicht ins Kino, sondern eine Abendveranstaltung und möchte entsprechend angemessen gekleidet sein. Unglücklicherweise war ich der wohl einzige Besucher mit dieser Meinung. Meine Begleitung und ich standen abseits - ein wenig aussätzig könnte man sagen. Die Leute - in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen gekleidet schauten uns an, als wären wir irgendwo falsch abgebogen. Wir schauten zurück. Und gingen hoch erhobenen Hauptes durch den Abend.

Es waren weniger die Blicke, die mich verärgerten. Wir haben etwa 100 € pro Karte bezahlt, es war ein Samstag Abend, man war vorher in einem guten Restaurant essen und ich hatte verdammt noch mal etwas mehr Stil an diesem Abend erwartet. Für ein Musical muss niemand ein Ballkleid oder Smoking anziehen, aber Jeans und Turnschuhe sind doch nun wirklich eher ... Kino. Bei den Eintrittspreisen nicht mal mehr das, aber gut.

Neuer Plan: nächstes Mal noch mehr Eintrittsgeld bezahlen und an einer Silvestergala in einem 5 Sterne-Hotel teilnehmen. Und tatsächlich: die Damen in Abendkleidern, die Herren in Smokings, wundervoll gedeckte Tische. Es war ein Abend wie im Bilderbuch. Links ein rotes Ballkleid, rechts ein teurer Smoking, dort vorn...ausgelatschte Turnschuhe, zerrissene Jeans und ein Feinripp-Unterhemd?! Was zum Teufel...? Ich schaute weg... möglicherweise hatte ich ein Gläschen Wein zu viel. Aber in der Tat, dieses Outfit gehört zu einer Gruppe junger Leute Anfang 20. Ich orakele heute noch, ob die Karten für den Abend so teuer waren, dass sie ihre letzten Lumpen anziehen mussten oder sie eine Wette verloren hatten. Auf jeden Fall unpassend. Setzen, 6!
Und warum sagt das Hotel nichts dazu? Wie in Kasinos zum Beispiel. Ein Sakko drüber hätte es schon getan. Es ist ja nicht so, als könne man Jeans nicht auch chic kombinieren.

Stil ist aber nicht nur angemessene Kleidung zu einem bestimmten Ereignis:
  • Stil bedeutet, nicht stundenlang an seinem Smartphone herumzutippeln, während andere dabei sind. 
  • Stil bedeutet, sich auch mal ohne "Ey! Alter! Sachma! Boah!" oder "Leck mich am Arsch" ausdrücken zu können 
  • Stil bedeutet, nicht einfach dazwischen zu platzen, wenn man telefoniert. Hier muss ich kurz unterbrechen. Denn auch hierzu habe ich ein hervorragendes Beispiel. Ich arbeite in einem Großraumbüro und es ist nicht zu glauben, aber wahr, hier gibt es auch Telefone. Natürlich bemüht man sich, leise zu reden, um andere nicht zu stören. Aber eigentlich ist das Gespräch doch für andere vernehmbar. Das hat mein Chef sich zunutze gemacht und so selten er mir was zu sagen hatte, so häufig fing er Gespräche an, sobald ich am Telefon war. Nun darf man sich nicht vorstellen, dass er neben mir stand und ins linke Ohr gesprochen hat. Die Mühe war es ihm nicht wert und so rief er mir aus der anderen Ecke des Büros fröhlich seine Kommentare zu. DAS IST NICHT STILVOLL! 
  • Stil bedeutet eigentlich auch, sich sonntags chic zu machen und spazieren zu gehen. Allerdings bin ich in dieser Hinsicht sehr froh über den ausgestorbenen Sonntagsstil. Das war mir dann doch zu viel des Guten. 
  • Stil bedeutet, manchmal herausgeputzt und mit strahlenden Augen eine Veranstaltung beizuwohnen, auf die man sich schon eine ganze Weile gefreut hat. 
  • Stil bedeutet, sich kurzzeitig mal ein wenig Luxus zu gönnen und ihn zu genießen. Und das bedeutet nicht den Kellner anzupöbeln mit den Worten "Herr Ober, da schwimmt was in meinem Sekt" mit der Erwiderung "Das ist Blattgold ... in Ihrem CHAMPAGNER!"
  • Stil ist auch Benehmen, Respekt den Mitmenschen gegenüber. Ein bisschen Knigge tut keinem weh!


Und Stil bedeutet nicht, dass man reich sein muss, um stilvoll zu sein. Denn es handelt sich glücklicherweise um eine Eigenschaft, die man nicht unbedingt käuflich erwerben kann. Man kann den Leuten die Auffassung "Es war teuer, ich kann es mir leisten und habe damit jetzt Stil" ansehen. Da stehen sie. In einem Zebramantel oder Pandaschuhen oder Gott weiß was für einem unnötigen und ausgefallenen Zeug. Aufgespritzten Lippen, gelifteten Gesichtern, gerichtetem Kinn, gestrafften Brüsten, verlängerten Beinen, gebotoxter Stirn, angelegten Ohren und gekürzten Näschen. Ja, man übersieht sie nicht. Nur sind sie nicht stilvoll. Allenfalls bedauernswert. Nicht annähernd können diese Leute  Roger Moore oder Katherine Hepburn das Wasser reichen.

Filme aus den 60er Jahren sind überfüllt mit Charme und Eleganz. Die Frau stand in einem hübschen Kleid und Pumps vor dem Herd, der Mann rauchte seine Zigarre/Pfeife und hatte Mut zum Hut. Nicht wie heute, einer Zeit, wo sich nach einem langen Arbeitstag die Jogginghose angezogen und die Flimmerkiste angeworfen wird. Allerdings war das Weltbild auch ein anderes und Frauen gehören eben nicht mehr nur allein hinter den Herd und Männer sind auch nicht mehr die Alleinverdiener. In diesem Fall: ein klares Plus für die heutige Zeit. Aber es geht ja hier auch gar nicht um die Emanzipation. Sondern um die stets präsente Eleganz, die heute durch das Legere und Coole in den Hintergrund gerückt ist.

Wie schön wäre doch ein stilvoller Mix aus beidem - mal locker und cool, mal elegant und chic.


In diesem Sinne: ein stilvolles Wochenende!

Dienstag, 24. Juli 2012

Heiter mit Aussicht auf Wetter

Das Urgestein aller Aufreger. Hier in Deutschland ist das Wetter IMMER schlecht! Gutes Wetter gibt es nicht.

Es ist
- zu nass
- zu kalt
- zu schwül
- zu drückend
- zu windig
- zu stickig
- zu heiß
- zu sonnig
- zu grau
- zu viele Wolken
- zu wenig Wolken 

- Waschküchenwetter

und grundsätzlich in der falschen Jahreszeit, Tageszeit oder an falschen Wochentagen! Sollte man doch jemanden treffen, der das derzeitige Wetter zu würdigen weiß, wird diesem gleich eine Einschränkung hinterhergeschoben - man möchte das Wetter ja nicht zu sehr loben:
"Heute ist wirklich ein wundervolles Wetter.." "... ja, aber heute morgen war es eiskalt, das geht zu dieser Jahreszeit ja gar nicht!" Wahlweise auch an Tagen wie heute: "So viel Sonne, das macht richtig Spaß" "Nee, dieser Wetterwechsel macht mich ganz müde und schlägt mir auf den Kreislauf...!"

Sind wir mal ehrlich: der Sommer 2012 zählt mit Sicherheit nicht zu einem Bilderbuchsommer (bisher zumindest nicht), die Deutschen sind murrig und gereizt. Ich habe bisher sehnsüchtig auf die Neuigkeiten über die Klimaerwärmung gewartet, doch überraschenderweise war dieses Jahr noch nichts davon zu hören. Möglicherweise, weil es einfach unglaubwürdig klingen würde, über Klimaerwärmung zu reden, während wir bei 13 Grad im Juli frieren. Ich bin kein Klimaexperte, ich glaube an eine Veränderung des Klimas, die sicherlich mitunter durch den Menschen beeinflusst wird, doch ob alles wirklich so drastisch ist, wie gesagt wird, stelle ich in Frage. Zumal die Stimmen grundsätzlich verebben, wenn es im Winter - 20 °C werden und man vorher prophezeit hat, dass die Winter milder werden.

Aber das ist natürlich ein anderes Thema und ich möchte mich hier auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

Was ich anprangere, sind die Wettervorhersagen. Ich höre morgens 3 verschiedene Sender, die mir gleich 3 verschiedene Möglichkeiten geben, wie das Wetter heute werden soll. Grundsätzlich erwische ich genau die, die komplett falsch ist. Falls ihr bei verregneten 13 Grad jemanden in kurzer Hose und mit Sonnenbrille seht, das bin ich! Genauso stehe ich auch mit einem Regenschirm und Regenmantel bei sonnigen 30 Grad an der Bushaltestelle.
Es ist ja nicht so, dass ich eine exakte Vorhersage erwarte und ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Sommer für unsere Wetterfrösche eine Herausforderung war, aber wie zum Teufel kann man so daneben liegen??? Es hat 4 Tage durchgeregnet, ich habe am 5. Tag weiteren Regen orakelt; nein, der meinungsresistente Meteorolge des Radios weiß es ja besser und sagt 30 °C und Sonnenschein vorher. Es regnete und Strömen und war arschkalt!
Aber trotzdem haben wir, optimistisch wie wir sind, natürlich an die 30 Grad geglaubt und unsere Sandalen, bunte T-Shirts, kurze Hosen und Sommerkleidchen aus den Tiefen des Schranks gekramt. Was ein Irrtum des Wetterfrosches war, wirkte auf der Straße wie ein kleiner Protest aller Deutschen. Bunt gekleidet, mit Sonnenbrille und Sonnenhut geschmückt, liefen sie durch den Regen. Unglücklicherweise passten die Gesichter nicht zu den farbenfrohen frischen Outfits. Aber so sind wir Deutschen nunmal.

In den wenigsten Fällen trifft es unsere Existenzen, wie es Dürreperioden und Hurricanes in anderen Ländern tun. Aber wir sind eine Wellnessgeneration und man kann sich hier nunmal nicht wohlfühlen, wenn das Wetter nicht mitspielt und die Sonne nur von 10 - 14 Uhr an einem Mittwoch scheint! Oder sie scheint an einem Samstag, aber da muss man in den Garten - wehe, dort ist es zu drückend!

Aber die vielen Wetterwechsel haben auch ihre Vorteile: Jeden Tag können wir auf´s neue über das schlechte Wetter sinnieren und haben stets ein Small-Talk-Thema, zu dem sich jeder auslassen kann. Wir frieren gemeinsam im Winter und schwitzen kollektiv im Sommer, bemitleiden uns gegenseitig und beweihräuchern uns, wenn es darum geht, stets praktisch gekleidet zu sein. Nirgendwo anders kann man so sinnfreie Dialoge über das Wetter abhalten, hier werden sie geschätzt und das Gegenüber geht freudig auf das heutige Wetterdrama ein.

Und spätestens vor Weihnachten, wenn die Glühweinstände öffnen und es nach Spekualtius und Zimtsternen riecht, werden wir angenehme 20 Grad haben, während die Klimaexperten sich endlich wieder über die Klimaerwärmung auslassen können.

Montag, 16. Juli 2012

Von Vegetarierern und anderen Schwierigkeiten

"Woran erkennst du einen Vegetarier?" "Er wird sich sofort zu erkennen geben und eine Diskussion über´s Essen anfangen" 

Nun, ganz so überspitzt würde ich das nicht sagen, es gibt durchaus Vegetarier, die nicht mit ihrem Essverhalten hausieren gehen. Ich würde gern dasselbe von Veganern behaupten, kann ich aber nicht, da ich niemanden kenne, der sich von allen Tierprodukten distanziert hat. Vielleicht aus gutem Grund. 

Ich bin kein Vegetarier. 
Wer mich schon kennt, weiß, dass es mir egal ist, wie andere leben - oder in diesem Fall essen - sofern sie mich nicht einschränken. Oder verspeisen wollen. Aber ich schweife ab. 

Nun bin ich schon absolut ruhigen Vegetarierern begegnet, die grundsätzlich kein Fleisch mögen. Weil es ihnen nicht schmeckt. Das sind die ruhigsten Zeitgenossen. Sie machen dir im besten Fall noch ein Schnitzel und essen ihre gekochten Tomaten. 

Dann gibt es Vegetarier, die aus einer Überzeugung (z. B. auch religiöse Gründe) heraus nur ihren Frieden darin finden, kein Fleisch zu essen, dir aber nicht dein Rumpsteak auf dem Teller madig machen. Man lebt und isst in Frieden nebeneinander her. Gelegentlich findet ein friedvoller Gedankenaustausch statt, der von beiden Seiten mit Interesse bekundet wird, aber zu keinem Ergebnis führt. 

Und es gibt die extremen Vegetarier. Die die Meinung vertreten, niemand dürfte Fleisch essen und wir müssten alle der Fleischeslust entsagen. Bei jedem - doch sehr herzhaften - Bissen des Schnitzels wird verächtlich geschnaubt, meist mit dem Satz "das arme Kalb musste so unendlich leiden, wie kannst du nur?!?" Im schlimmsten Fall kramt der Vegetarier ein Päckchen Tofu-Irgendwas aus der Tasche. Hält es mir unter die Nase mit den Worten "schmeckt genauso gut!". Und dann geht wieder die leidige Diskussion los. Mir vergeht der Hunger, beide sitzen mit vergrämten Blick am Tisch, der eine will kein Tofu probieren und der andere ist angeekelt vom Anblick des Fleisches. Man geht nie wieder miteinander essen. 

Ich würde mich nicht als starrsinnig bezeichnen. Ich versuche durchaus, mir die Meinung meines Gegenübers objektiv anzuhören. Und ich verstehe den Gedanken dahinter: es ist abartig und pervers, die Art und Weise, wie Menschen die Tiere in der Massentierhaltung behandeln - man kann durchaus von Folter sprechen. Und so löblich finde ich es auch, dass es Menschen gibt, die in dieser Hinsicht Aufklärung betreiben und von diesem Verhalten Abstand nehmen. Nun kann aber eben nicht jeder sein Bio-Fleisch kaufen, das gleich mal doppelt so teuer ist, und weiterhin möchte ich noch eins zu bedenken geben: "BIO" ist kein geschützter Begriff. Wenn ich mich also dazu bereit erklären würde, ab sofort nur noch Bio-Fleisch zu kaufen, kann mir niemand garantieren, dass die Kühe tatsächlich so glücklich sind, wie man mir weiß zu machen versucht. Man sieht es dem Fleisch ja auch nicht an, ob es sich jetzt um eine glückliche oder todtraurige leidene Kuh gehandelt hat. Sollte man gesetzlich veranlassen. Vielleicht könnte - ähnlich wie auf Zigarettenschachteln - ein Warnhinweis stehen: "Achtung! Dieses Fleisch führt zu Antiobiotikavergiftungen." oder "Achtung! Sie essen gerade eins der unglücklichsten Schweine aus unserem Haus!" Aber: dann würde die Nachfrage sinken und das Fleisch würde teurer werden und der Deutsche würde protestieren (natürlich nicht nach außen hin, hier wird ja nur untereinander gemurmelt). Und dann würden die, die nicht genug Geld haben, nochmehr Tiefkühlpizzen und Fertigsuppen kaufen und wir würden auch nicht in die richtige Richtung gehen. 

So, dies fairerweise zu den Beweggründen des Extrem-Vegetariers, die nicht durch und durch verkehrt sind. Nun sind wir Menschen aber Omnivore (=Allesfresser) und bis heute ranken sich Mythen darum, dass wir nur wegen des Fleisches eine so intelligente Spezies geworden sind. Was ich gewissermaßen mit Vorsicht behandele. Wenn dem so wäre, hätten Katzen bereits die Weltherrschaft an sich gerissen..


Fleisch schmeckt den meisten von uns und es enthält wertvolle Proteine, die wir ohne das Fleisch nur mühsam und umständlich aufnehmen würden. Dafür sind wir allerdings zu bequem... und mal ehrlich: wer möchte auf den leckeren saftigen Burger verzichten geschweige denn, darüber nachdenken, was da drin ist?! 

Wir sind doch eher ein Homer Simpson, der sich den Genuss des leckeren (und sei es noch so fettigen) Essens nicht verderben lassen möchte und dem beim Gedanken an ein gutes Essen das Wasser im Munde zusammenläuft bzw. aus dem Munde läuft. 

Ein ewiges Für und Wider. Ich werde auf jeden Fall kein Tofu probieren und sollte sich wieder jemand erdreisten, mir das während des Essens unter die Nase zu halten, werde ich eine Bratwurst aus der Tasche zaubern und ebenfalls damit rumwedeln. Oder ich werde nächstes Mal "Spiel mir das Lied vom Tod" summen, wenn der Extrem-Vegetarier in seine Möhre beißt. Aus Mitleid den Pflanzen gegenüber! Fructarier sind in dieser Hinsicht übrigens äußert konsequent, fast schon bewunderswert, wie viele Gedanken man sich über das Essen und seine Todesqualen machen kann.   

Es ist unfassbar, in welche Richtungen sich unsere Esskulturen entwickeln, mehr, reichhaltiger, ausgefallener. In vielen Teilen Deutschlands boomt mittlerweile die Erlebnisgastronomie, in der es nicht außergewöhnlich und abwechslungsreich genug zugehen kann. Man geht nicht essen, man geht "erleben"! Im Dunkeln, im Liegen, im Stehen, bei einem Theaterstück, auf einer Ritterburg. Essbare Blumen, Wachteln, Fischeier (ich schreibe bewusst nicht Kaviar), Känguruh, Krokodil, gebratene Heuschrecken. Kurz gesagt: alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, wird aufregend garniert und verfüttert. Genau genommen wäre es auf den Bäumen auch nicht sicher. 
Mittlerweile sind die meisten gelangweilt, wenn sie in ein gutbürgerliches Restaurant gehen. Keine Unterhaltung und biedere Bratkartoffeln! Das kann man auch zu Hause. Vor dem Fernseher. 
Und reichlich muss es sein! Mehr als genug. Man möchte ja nicht halb verhungert das Erlebnisevent verlassen. XXL und davon die doppelte Portion, damit man nach dem Vertilgen der Speise regungslos und wie ein Fisch nach Luft schnappend auf dem Stuhl sitzt und nicht mal das Verdauungsschnäpschen in den Magen passt. Wir werden den Amerikanern in dieser Hinsicht immer ähnlicher. In Teilen Deutschlands. Es gibt tatsächlich auch kleine Flecken hier und dort, die dem Futtererlebnis ein Schnippchen schlagen und gemütlich in ihrem kleinen Restaurants vor dem hausgemachten Schnitzel sitzen und genießen. Die vielleicht verstehen, dass während wir im Überfluss schwelgen, Essen verschmähen oder ganze Mahlzeiten wegwerfen, es auf der Welt Menschen gibt, die für ein Stück Fleisch ihr letztes Hemd geben würden. 



Und könnte uns der Höhlenmensch sehen, er würde kopfschüttelnd Bärenfell zurechtzupfen und mit Genuss in seine selbst erlegte Beute beißen. Am Feuer. Ohne Fernsehen. Und ohne Erlebnisdinner.  

Freitag, 13. Juli 2012

Sie Arschloch... oder Du?

Erstmal ist es gar kein Aufreger, anfangs zumindest nicht. Es ist ein alltägliches Problem, mit dem sicherlich jeder von uns bereits konfrontiert wurde.Und wenn man nicht weiß, wie man sich verhalten soll, kann die Anrede zu einer katastrophal akrobatisch verrenkten Satzbauweise führen, die ihresgleichen sucht: duze ich Sie oder sieze ich dich?

Insofern bitte ich um Verzeihung für den Titel dieses Blogposts, aber er wird noch wichtiger Bestandteil dieses Textes. 

Der Gedanke hinter der höflichen Anrede ist denkbar einfach: Ältere Menschen, Chefs, Kunden und fremde Leute werden gesiezt. Es sei denn, sie bieten das "Du" an. Klingt ganz leicht. Ist es aber nicht. Denn irgendwann kommt man in jene Grauzone, in der ein "Du" unangebracht und ein "Sie" noch weniger passend ist. 

Genau hier wird es interessant. Wenn der Anredende nicht genau weiß, wie sein Gegenüber nun anzusprechen ist, wird der Satz im Kopf (5 Minuten lang) vorbereitet und so lange umgelegt, bis eine Anrede ausgeschlossen ist. Zugegeben, bei "Kann ich Dir/Ihnen helfen?" ist das ganze noch recht einfach: "Kann ich helfen?".
Ein wenig schwieriger wird es, wenn man denjenigen beispielsweise seinen Vorlieben (Hobbys o. Ä.) fragen möchte. Ich selber verpasse in solchen Situationen meist den Anschluss des Gesprächs, weil mein Satz im Kopf immer noch nicht "anredefrei" ist. Gerade wenn ich ihn aussprechen möchte, ist das Gespräch beendet, mein Gegenüber ist weg und hat mich vermutlich mit einem nachdenklich-dümmlichen Gesichtsausdruck für immer in Erinnerung. 
Ich kann meinem Gegenüber ja auch nicht einfach Schlagworte an den Kopf werfen: "Hobbys?" "Arbeit" "Und sonst so?". 

Wie gesagt: es fließen undenkbar viele Faktoren in die Anrede ein, sodass jeder für die gegebene Situation entscheiden muss, wie er den anderen anspricht. Ist es geschäftlich, privat, was für ein Mensch ist mein Gegenüber, möchte ich überhaupt, dass er mich duzt?

An sich möchte ich gern geduzt werden, denn ich bin einer der Menschen, die davon überzeugt sind, dass man auch Respekt gegenüber dem Anderen zeigen kann, wenn man die vertraute "Du"-Form nutzt. Allerdings bin ich streng nach Knigge erzogen worden und würde nicht von selbst auf die Idee kommen, gleich jeden zu duzen. Es gehört sich nicht. Mein Neid in diesem Fall gilt dem englisch-sprachigen Volk, die derartige furchtbare Entscheidungen nicht zu treffen haben. Ein einfaches "you" und man kann jeden Satz frei formulieren, wie man möchte, ohne zu einem stotternden Häufchen Elend zu mutieren.

Wir können Menschen verärgern, wenn wir zu schnell duzen, was man dann an der Antwort "Duzen Sie mich etwa? Haben wir schon im Sandkasten zusammengespielt oder was?" erkennen wird. Oder wir siezen höflich und unser Gegenüber fühlt sich alt, gebrechlich und wird entsprechend unglücklich gucken.

Ich habe mich damit abgefunden, dass ich im Zweifelsfall meinen Sätze gründlichst umstelle, um eine direkte Anrede zu vermeiden und damit für einen Trottel gehalten werde. Meine Taktik, eine Mischform wie "Su" oder "Die" bzw. die komplette Anrede nuschelnd in den Satz zu schummeln, ist unglücklicherweise an der Bitte um Wiederholung des Satzes gescheitert.

Die höfliche Anrede ist oft genug angebracht und genau genommen auch gar nicht verkehrt. Allerdings hat mich der Satz "Du Arschloch ist leichter gesagt als Sie Arschloch" nicht wirklich überzeugt. Ich kann nicht berichten, dass ich jemals folgende Situation erlebt hätte:
"Hallo"
"Hallo, wie geht es Ihnen?"
"Gut, danke! Sie können mich aber gern duzen!"
"Gern. Du Arschloch!"
Gut, das war jetzt die Kurzfassung, auf lange Sicht gesehen ist mir aber auch Ähnliches nicht widerfahren. Respekt macht nicht nur eine Anrede aus. 

Und dann gibt es Situationen, wie neulich in der Sauna. Eine Gruppe von Herrschaften, die offensichtlich Führungspositionen in der selben Firma bekleideten, saßen in der Sauna nackt nebeneinander. Sie redeten übers Geschäft. Höflich! Gesieze! Sie sitzen nackt (!!) nebeneinander und wahren das "Sie". Mein Gehirn bereitete sich auf die EINE und EINZIG wahre Frage vor! WARUM? Aber wie hätte ich sie ansprechen sollen? Siezen oder duzen?
Es ist doch so: als Kind werden wir vor einem Referat oder einer Aufführung immer beruhigt mit den Worten "stell dir die Anderen nackt vor, das hilft". Und es hat geholfen. Immer. Weil es den übergroßen Respekt und die Angst nimmt. 
Sehen wir jemanden nackt (was man ja manchmal auch ehrlich gesagt gar nicht will, aber das ist ein anderes Thema), sieht man ihn anders als den Geschäftsmann/-frau im Business-Outfit. Man sieht die kleinen Macken und Makel, die Fehlerchen, die sonst so geschickt unter dem Kostüm oder Anzug versteckt sind. "Kann sich der Mensch denn nicht die Fußnägel schneiden?" Und das kann eher den Respekt nehmen als ein "Sie".  
Ich für meinen Teil vermeide ohnehin das Sprechen in der Sauna. Ruhe halten und kein Schweiß aufs Holz! 

Als ich vor einiger Zeit die Firma wechselte, kam ich in eine Abteilung, in der sich alle duzten. Allerdings stellten sich mir alle mit ihren Vornamen vor, einige verweigerten mir aber das "Du" für genau 3 Monate. Erst als nach den besagten Monaten klar war, dass ich niemand bin, der die Leute direkt beschimpft, wurde mir das "Du" angeboten. Ich belächele die Situation und so inkonsequentes Verhalten noch heute. 

Ebenso wie die Tatsache, dass eine ältere Dame sich immer noch von einer jüngeren Frau siezen lässt. Sie kennen sich nicht lange - so um die 35 Jahre. Aber es geziemt sich eben so, das muss man verstehen. Es könnte schließlich dem Umgang miteinander schaden, wenn die jüngere Frau die ältere auf einmal duzen dürfte. Nachher wird sie noch unverschämt und frech! Auch bei dieser Beobachtung liegt ein leicht süffisantes Lächeln auf meinen Lippen... ob sie sich jemals duzen werden? 

Natürlich wollen wir nicht in eine Bank kommen und dort mit den Worten "Ey, du alter Haudegen, wie geht´s dir?" begrüßt werden. Die Anrede sollte der Situation angepasst sein - und, falls sie dies nicht ist, ergeben sich äußerst amüsante Umstände, bei denen sich niemand ein Schmunzeln verkneifen kann. Denn wir alle kennen es. 

Aber in einer lockeren Situation bevorzuge ich ein höfliches Du und gehe davon aus, dass mein Gegenüber sich weiterhin mit dem nötigen Respekt mir gegenüber verhält. Er wird nicht auf einmal furzen, eine Hand in die Hose stecken, mit einem Rülpser seine Füße auf meinen Tisch legen und anfangen, mich wüst zu beschimpfen. 

Und ob dieser lockeren Situation bitte ich um ein höfliches "Du" in in diesem Blog! 


Freitag, 29. Juni 2012

Menschen in der Bahn - A tribute to Stancerblog


Als ich vor ein paar Wochen mit dem Schreiben dieses Blogs begonnen habe, hatte ich noch keine Ahnung, wie viele neue Erfahrungen mich erwarten. Auf Twitter bin ich dann auf das Profil von @PlanC_ gestoßen, mit einem Link auf Stancer´s Blog, dessen Texte mir sofort gefallen haben. Seine Art, die Posts liebevoll und abwechslungsreich zu gestalten, gespickt mit einem wundervollen Humor, machen das Blog zu einem bemerkenswerten Leseerlebnis.

Ich freue mich sehr, dass ich nun mit seiner Genehmigung seinen Blogpost "Menschen in der Bahn" präsentieren darf. Ich hoffe, Sie haben mindestens so viel Freude daran wie ich! 


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„Ein Mensch schaut in der Straßenbahn / der Reihe nach die Leute an. / Jäh ist er zum Verzicht bereit / auf jede Form Unsterblichkeit.“ - so schrieb einst der großartige Eugen Roth. Dieses Gedichtlein hat bis heute nichts an Aktualität verloren, als täglicher Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs erlebe ich sie jeden Tag: die Menschen in der Bahn. Ihnen ist dieser Aufsatz gewidmet.
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Der Arbeiter*: Schon morgens kramt er aus seiner Laptoptasche seinen Rechner, diverse ausgedruckte Präsentationen und Unterlagen heraus, dazu stets die Datenpistole Marke Blackberry im Auge. Er/sie ist ein Genie: zwischen zwei bis fünf Haltestellen kann er sein Zeugs heraus kramen, dann gleichzeitig E-Mails bearbeiten, Unterlagen mit dem Textmarker färben, telefonieren und Kaffee aus einem Pappbecher mit einer winzigen Trinköffnung im Deckel trinken, und schließlich, eine Sekunde bevor er raus muss, alles wieder in seiner Tasche verstaut haben. Ich weiß nicht, ob ich ihn dafür bewundern oder bedauern soll.
Vollbringt der Arbeiter schon in der U- oder Straßenbahn wahre Wunder auf dem Feld des Multitaskings, so fährt er im Intercity zur Höchstform auf. Mühelos gelingt es ihm, mit Rollkoffer, Unterlagen, Laptop, Mantel, Jackett, Ersatzanzug, Hutschachteln und Schuhen (was veranlasst eigentlich Menschen, im Zug ihre Schuhe auszuziehen?) eine Vierersitzgruppe mit Tisch komplett einzunehmen. Zwischen Würzburg und Frankfurt/Main-Flughafen fertigt er eine 40-seitige Präsentation, isst ein Baguette mit Schinken und Käse, liest ein etwa hundertseitiges Worddokument und macht seine Anmerkungen darin, führt trotz fluchend durchfahrener Funklöcher zwölf Telefonate, trinkt vier Kaffee, fertigt seine seine Steuererklärung und rettet die Welt - vorausgesetzt, eine Steckdose befindet sich an einem seiner vier Plätze.
Wenn nicht, kann man beobachten, wie ein Mensch mit schwindender Akkufüllung immer mehr in sich zusammen sinkt wie ein undichter Luftballon, bei fünfzig Prozent erste Schweißperlen, die sich bei spätestens 30 Prozent zu Rinnsalen erweitern; bei unter zehn Prozent tritt Schaum aus dem Mund, und nachdem er seinen Rechner endlich zugeklappt hat, weil nichts mehr geht, sitzt er zitternd und zusammengekauert auf seinem Platz und schaut alle dreißig Sekunden abwechselnd auf seine Armbanduhr und den Blackberry. Bis zum Zielbahnhof ist die Reise für ihn eine Qual, etwa so wie für mich das Innere einer Sporthalle, er nimmt nicht wahr, was draußen am Fenster vorüber fliegt, die angebotene DB-Kundenzeitschrift verbleibt ungelesen in der Ablage an der Rückenlehne des Vordersitzes.
Auf der Sympathie-Scala von eins (sehr unsympathisch) bis zehn (sehr sympathisch) bekommt der Arbeiter wegen der Unruhe, die er verbreitet, drei Punkte. Ohne Steckdose und mit leeren Akkus sechs.
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Der Smartphoneabhängige*: Sobald er seinen Platz eingenommen hat, wobei es keine Rolle spielt, ob Sitz- oder Stehplatz, starrt er auf sein iPhone oder ein artverwandtes Gerät und tippt / streicht darauf herum. Im günstigsten Fall tut er dies geräuschlos, im nicht ganz so günstigen Fall umgibt ihn dabei ein rhythmisch schräbbelndes Geräusch aus seinen Ohrstöpseln, und im schlimmsten Fall telefoniert er lautstark für alle im Wagen hörbar: „Alter, wo bist du? - Was? Verstehe dich nicht, sind im Tunnel. - Was? Bin noch in der Bahn. - Was?“ Und so weiter. Von der ersten bis zur letzten Haltestelle, wo er aussteigt, und vermutlich weit darüber hinaus. Sympathiewert: je nach Geräuschentwicklung zwei bis fünf Punkte.
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Der Schwätzer*: Er unterhält sich lautstark, so dass es jeder mitbekommt, am liebsten über Themen aus seinem Arbeitsumfeld, das Projekt, wie lange er gestern wieder im Büro war, die faulen Kollegen, die schlechte Organisation in seiner Abteilung, aber ihn fragt ja keiner, außerdem er habe es ja gleich gesagt. Im günstigsten Fall labert er einen Kollegen voll, im schlimmsten Fall bin das ich. Sympathiewert: einen Punkt; wenn ich das Opfer seiner Ansprache bin, minus drei.
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Der Apathische*: Er sucht sich seinen Platz und macht - gar nichts. Starrt einfach vor sich hin, auf einen imaginären Punkt im hinteren Wagenteil, vielleicht die Werbung der örtlichen Telefonseelsorge, deren Nummer er vom täglichen Starren längst auswendig kennt, oder in das Schwarz des durchrauschten U-Bahn-Tunnels. Er ist mir einer der liebsten Mitreisenden, unauffällig, geräuscharm. Je nach dekorativer Erscheinung acht bis zehn Punkte.
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Der Ungeduldige*: Für ihn ist die Bahnfahrt eine Qual. Er bleibt direkt in der Tür stehen, auf dass sich jeder, der ein- oder aussteigen will, an ihm vorbei quetschen muss. Spätestens drei Haltestellen vor seinem Ziel holt er eine Zigarette aus der Tasche, klemmt sie sich hinter das Ohr und spielt nervös - ratsch ratsch, funk funk - mit seinem Feuerzeug herum. Fährt die Bahn nicht weiter, weil mal wieder jemand in der Tür steht und sie sich deshalb nicht schließen lässt, sagt er so Sätze wie „Nun fahr endlich, Scheißbahn“, und schaut zustimmungsheischend in die Runde, jedoch ohne Erfolg, weil die Apathischen um ihn herum ihn ignorieren. Die anderen hören ihn nicht. Nachdem er gemerkt hat, dass es seine Tasche ist, die in die Lichtschranke der Tür ragt, kann die Bahn auch weiter fahren. Sympathiewert: fünf bis sechs Punkte.
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Der Kramer*: Er setzt sich nicht auf den freien Sitzplatz neben mir, sondern platziert dort zunächst seinen Rucksack, dann beugt er sich darüber und beginnt darin zu kramen, bis er seine Wasserflasche gefunden hat; dann setzt er sich endlich, den Rucksack zu seinen Füßen, und kramt unermüdlich weiter darin herum, holt ein Buch, sein Telefon und ein belegtes Brötchen hervor. Er hört nicht eher mit kramen auf, bis seine Zielhaltestelle erreicht ist, oder meine. Der Kramer macht mich wahnsinnig. Maximal zwei Sympathiepunkte.
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Der Esser*: Er steigt schon mit einem Kaffeebecher ein, entweder einer dieser scheußlichen Pappbecher mit Plastikdeckel, siehe oben, oder so ein hipper alufarbener Thermobehälter mit Henkel; kaum sitzt er, holt er eine Papiertüte der nächsten Bäckerei aus seiner Tasche hervor und beißt bald darauf grunzend und schmatzend in das weiträumig krümelnde Buttercroissant oder, schlimmer, in das mit Tomate, Mozzarella, Ei, Thunfisch, Frikadelle, Mayonnaise und einem Salatblatt völlig überbelegte Baguettebrötchen, aus dem sich spätestens nach dem zweiten Bissen die Zutaten der Schwerkraft folgend verabschieden, im günstigsten Fall in den Schoß des Essers, im ungünstigsten auf meine Schuhe.
Auch hier ein kurzer Ausflug zum DB-Fernverkehr: Statt der Tüte des örtlichen Bäckereiwaren-Fachgeschäfts holt Mutti gerne eine große Plastikdose hervor und verteilt daraus belegte Brote mit grober Leberwurst, selbstgebratene Frikadellen und hartgekochte Eier an ihre Lieben, woraufhin der halbe Wagen von einem Geruch erfüllt ist, der an einen Kühlschrank nach mehrtägigem Stromausfall im Hochsommer und Verwesung im fortgeschrittenen Stadium erinnert.
Je nach Geruchsbelästigung erhält der Esser null bis einen Sympathiepunkt.
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Der Fahrradmitnehmer*: „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“, so der Volksmund. Wer sein Fahrrad noch mehr liebt, nimmt es im Berufsverkehr mit in die überfüllte Bahn, und wenn es nur für die Distanz von drei Haltestellen ist. Meine bisherigen Versuche, den Fahrradliebhabern den eigentlichen Zweck ihres drahtigen Freundes zu erläutern, wurden stets mit einem lauter stellen des Schräbbelgeräusches aus ihren Smartphone-Kopfhörern quittiert. Aber ich bleibe dran. Sympathiewert: null Punkte
Der Klappfahrradbesitzer*: Eine auf den ersten Blick wesentlich angenehmere Unterart des Fahrradmitnehmers. Kaum hat er die Bahn mitsamt Rad bestiegen, beginnt die öffentliche Vorführung seines Wunderwerks: Dank einer raffinierten Technik aus zahlreichen Scharnieren, Knickstellen und Gelenken lässt sich das Rad soweit zusammenfalten, dass es anschließend Platz in einer Manteltasche findet. Auch mit Übung dauert diese Prozedur eine gewisse Zeit, mindestens so lange wie die Bahnfahrt an sich. Daher mutiert der Klappfahrradbesitzer schnell zum -> Kramer, was ihm leider nicht mehr als zwei Sympathiepunkte einbringt.
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Der Sitzblockierer*: Er benötigt stets einen Zweiersitz, einen Platz für sich, einen für seine Tasche oder den Rucksack. Dabei ist es egal, wie voll die Bahn ist, ungerührt nimmt er nicht zur Kenntnis, dass sich die Mitfahrer neben seinem Platz stehend drängeln wie die Kaiserpinguine während eines Schneesturms, stattdessen widmet er sich seinem iPhone oder schaut einfach aus dem Fenster. Wer wollte es ihm übel nehmen, die Tasche auf den Schoß zu nehmen, wäre eine Zumutung, sie zu Füßen auf den Boden zu stellen scheidet allein schon aus hygienischen Gründen aus, und auch die Gepäckablage über dem Sitz ist angesichts der immer schlechter werdenden Welt keine ernstzunehmende Alternative. Wagt man es dennoch, den Sitzblockierer zu fragen, ob der Platz neben ihm noch frei sei, so kann man sich eines Blickes sicher sein, als hätte man soeben seinen Kopulationswunsch kundgetan oder gefragt, ob das auf seinem Kopf eine Frisur oder eine schlecht sitzende Mütze sein. Höchstens zwei Sympathiepunkte.
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Der Attraktive: Gerade im Sommer sehr anstrengend. Plötzlich sitzt er mir gegenüber, der Adonis, jung, schön, leicht bekleidet - und würdigt mich keines Blickes. Stattdessen zupft er im Spiegelbild des schwarzen U-Bahn-Fensters an seiner Frisur herum und krault sich mit der anderen Hand an seinem haarigen Oberschenkel. Mir bricht der Schweiß aus, ich will ihn anstarren, da das jedoch ungehörig ist, schaue ich ebenfalls in den schwarzen Fensterspiegel, wo ich ihn unbemerkt beobachten kann. Die Zielhaltestelle kann ich kaum erwarten, meine oder seine, egal, Hauptsache ich muss ihm nicht länger gegenüber sitzen. Mit lüsternen Bildern im Kopf steige ich aus, aber das ist nicht schlimm, nach spätestens zwei Tagen verflüchtigen die sich meistens. Wenn es gut läuft. Sympathiewert: zehn Punkte. Mindestens.
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Der Buchleser*: Er ist ein ähnlich angenehmer Reisegenosse wie der Apathische, unauffällig und geräuschlos nimmt er den dritten Band von Thomas Manns ,Josef und seine Brüder‘ hervor und liest darin, schon seit Monaten und vermutlich noch weitere Wochen. Durch Schwätzer, Arbeiter und Esser lässt er sich nicht von seiner Lektüre ablenken, Seite für Seite liest er sich durch die schwere Materie. Kommt eine Durchsage, etwa „Wegen einer Signalstörung verzögert sich unsere Weiterfahrt um unbestimmte Zeit“, woraufhin sich ein Tumult im Wagen erhebt, hebt er nur kurz andeutungsweise eine Augenbraue, räkelt sich in eine bequemere Sitzposition und liest weiter, der Lesestoff reicht noch für Tage. Ich beneide ihn. Daher acht bis zehn Sympathiepunkte.
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Der Mitleser*: Auch ich bevorzuge es, U-Bahnfahrten, in Ermangelung optischer Reize vorbeiziehender Landschaften, lesend zu verbringen, daher habe ich stets ein Buch oder eine Zeitung dabei. Es gibt Menschen, die auch gerne lesen während reizloser Bahnfahrten, nur haben sie nichts zum Lesen dabei, stattdessen lugen sie mehr oder weniger unverhohlen in die Lektüre ihres Nebenmannes. Ich weiß nicht warum, aber diese Mitleser stören mich ungemein, so als ob sie ungefragt von meinem Butterbrot abbeißen würden, erst recht bei Texten, die, na sagen wir mal, nicht ganz jugendfrei sind. Sonst auch. Ein böser Blick meinerseits vertreibt den Buchstabenschmarotzer für wenige Sekunden, doch schon bald spüre ich wieder seinen Blick, Zeile für Zeile.
Mittlerweile gewöhne ich mich jedoch an diese Zeitgenossen, und da ich von Natur aus höflich bin, blättere ich erst weiter, wenn ich sicher bin, dass auch mein Nebenmann die Seite zu Ende gelesen hat. Daher steigt der Sympathiewert langsam von ursprünglich zwei auf inzwischen vier Punkte, Tendenz steigend.
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Die Aktenorderträgerin: Hier wähle ich ausnahmsweise die weibliche Form, weil es nach meiner Beobachtung fast ausschließlich junge Frauen sind, die statt einer Tasche einen Aktenordner mit sich tragen. Seltener auch junge Männer türkischer Abstammung, was keineswegs wertend gemeint ist, es entspricht einfach meiner Beobachtung. Entweder der klassische dunkelgraumelierte Leitz-Ordner, zunehmend bei den Damen auch buntere Exemplare. Bislang ungeklärt ist die Frage, was Inhalt dieses Ordners ist, zumeist sind es nur wenige Dokumente. Noch niemals wurde das Geheimnis während einer Bahnfahrt durch Aufklappen des Ordners gelüftet. Auch entzieht es sich meiner Kenntnis, welcher Tätigkeit diese Damen und wenigen Herren nachgehen. Für Hinweise wäre ich dankbar. Bis zu zehn Sympathiepunkte, es sei denn, mit dem Aktenordner wird ein Sitz blockiert.
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Der Verpisser: Hier ist bewusst die männliche Form zu wählen. Streng genommen handelt es sich nicht um einen Menschen in, sondern an der Bahn, genauer: an der Haltestelle, noch genauer: an einer Haltestelle ohne Hochbahnsteig, der einen ebenerdigen Einstieg ermöglicht. Zunächst steht er untätig herum und wartet. In hektische Bewegung gerät er, wenn eine Mutter mit Kinderwagen auf ihn zurollt. Vielleicht kennen Sie den Effekt, der eintritt, wenn auf eine mit Blütenstaub bedeckte Wasserfläche ein Tropfen Öl fällt, sofort stieben die Pollen kreisförmig auseinander. Ähnliches ist zu beobachten, wenn mehrere Verpisser auf die Bahn warten und besagte Mutter angetropft kommt.
Da ich seit Jahren immer um dieselbe Zeit mit derselben Bahn fahre, weiß ich natürlich längst, wohin ich mich stellen muss, um keinen schweren Zwillingskinderwagen in die Bahn hieven zu müssen. Nicht, dass ich mich drücken würde, aber ich bin nicht mehr der jüngste, und mein Kreuz...
Das schlimmste, was dem Verpisser passieren kann, ist, dass er einsteigen will, die Tür der Bahn öffnet sich, oben steht die Mutter und schaut ihn erwartungsvoll an. Zurück kann er nicht, also verkneift er sich den leisen Fluch und hilft beim Herauswuchten des Kinderwagens. Dummerweise stellt er sich dabei sehr ungeschickt an, und ehe er einsteigen kann, ist die Tür wieder zu und die Bahn fährt ab, ohne ihn, der eben noch unterdrückte Fluch entfährt ihm doch noch, nützt zwar nichts, hilft aber. - Sympathiewert: sechs bis acht Punkte, wer will sich schon selbst in Misskredit bringen.
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Ich gebe zu: Ohne die vorgenannten Mitmenschen käme mir jede Bahnfahrt öde und langweilig vor, daher gehört mein Mitgefühl allen, die ihre tägliche Fahrt zur Arbeit in einem Auto, auf einem Fahrrad oder gar zu Fuß verbringen müssen. Damit schließe ich das Loblied auf den öffentlichen Personen-Nahverkehr.
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* Hinweis an die politisch korrekten: Aus Gründen der Verständlichkeit verzichte ich auf die Nennung der jeweils weiblichen Erscheinungsform, weise jedoch darauf hin, dass die meisten der geschilderten Beobachtungen und Klassifizierungen nicht an ein bestimmtes Geschlecht gebunden sind. Ich bitte um Ihr Verständnis.

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Quelle: http://stancerblog.blog.de/2012/05/27/menschen-bahn-13755554/