Jeder Mensch hat seine Macken - und genau diese machen jeden für sich individuell und meistens auch interessant. Ich mag die Macken anderer Leute.. manchmal.
Rund um meinen Körper hat sich eine Wohlfühlzone mit einem etwa 1,5 m Radius gebildet. Das ist zugegebenermaßen etwas mehr als bei anderen Menschen, für mich aber notwendig, denn ich möchte mich ja - man kann es erahnen - wohlfühlen. Alles, was in diesen Radius einfällt, wird als Eindringling betrachtet, die Füße reagieren schnell und bringen den Körper wieder in den komfortablen 1,5 m - Abstand. Für den Fall, dass Platz ist. Und genau hier stoße ich an mein Problem.
Es gibt wenig Aufzüge, in denen Platz zum Ausweichen ist. Die von mir so geliebten Paternoster gibt es leider kaum noch, aus denen war ein spontanes Heraushüpfen wenigstens weitestgehend möglich. Mittlerweile beobachte ich, wie viele Menschen vor einem Aufzug stehen, entscheide mich ab und zu doch für das Treppenhaus. Unglücklicherweise kann man nicht alles vorhersehen und so stehe ich mit meiner Wohlfühlzone in einem verlassenen Aufzug und genieße die Fahrt, bis er stoppt, die Tür aufgeht und ein Meer von Menschen in den Aufzug geschwemmt wird. Mit zarter Stimme versuche ich, auf die 9-Personen-Beschränkung hinzuweisen und die Flucht zu ergreifen, doch meine kläglichen Versuche verhallen im Stimmgewirr der Menschenmenge. Während meine Komfortzone sich in die linke, obere Ecke des Aufzugs verzieht, warte ich mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem, bis der Fahrstuhl nach gefühlten Stunden in der gewünschten Etage anhält und ich mich aus dem winzigen Käfig befreien kann.
Bei Unterhaltungen achte ich stets darauf, einen gesunden Abstand zu meinem Gesprächspartner zu halten, um eine angenehme und gepflegte Kommunikation führen zu können. Doch es gibt sie immer wieder, die subtilen Kuschler, die in kurzen Abständen - jedes Wort ein kleiner Schritt - näher rücken. Sie suchen die Nähe, möglichst, um ihr Gegenüber noch anzustupsen oder Gesten noch imposanter vorführen zu können. Weicht man nicht aus, sieht man sich ein paar Minuten später Schulter an Schulter, Nase an Nase zu seinem Gesprächsteilnehmer. Mit einer gesunden Komfortzone passiert aber etwas anderes: man weicht automatisch zurück. Und so entsteht ein Wandergespräch. Je nach Dauer dieser Kommunikation findet man sich plötzlich an einem völlig anderen Ort vor. Den Kuschler beeindruckt das allerdings wenig - ohne Unterlass versucht er, in die Wohlfühlzone seines Gegenübers einzudringen, sucht die Nähe, um zu stupsen und zu drücken. Warum man sein Gegenüber überhaupt während einer Konversation anstoßen muss, hat sich mir bis heute übrigens nicht erschlossen. Ein Schulterklopfer oder ein gezielter Stoß gegen den Oberarm untermalen das Gespräch mit einem negativen Beigeschmack vor allem, wenn es in völliger Euphorie unter Einbuße der Kontrolle des Schlages geschieht. Das schmerzverzerrte Gesicht des Gegenübers scheint dem Kuschler in seinem Vorhaben keinen Abbruch zu tun. Ich bin gnadenlos, bevor ich gestupst werde, wander ich weiter, mit dem Hintergedanken, ob es ihm wirklich nicht auffällt. Hier hat sich bewährt, am besten Richtung Tür zu wandern, man kann diese belanglos im Gespräch öffnen und den Kuschler hinauslaufen lassen. Tür zu. Gespräch beendet. Ohne Hämatome an den Oberarmen.
Dann gibt es noch die Busserl-Begrüßer. Ob privat oder geschäftlich, ich möchte entscheiden, wem ich die Hand gebe oder wen ich busserl. Und gebusserlt wird - man ahnt es bereits - bei mir äußerst selten. Doch kommt man leider manchmal nicht umhin, da das Gegenüber - was man schlimmstenfalls nicht einmal kennt - die ausgestreckte Hand ergreift, einen heranzieht und fröhlich darauflosbusserlt, ob man möchte oder nicht, spielt hier keine Rolle. Kurz darauf folgt eine kurze Verwirrung - 2 oder 3 Busserl auf die Wangen, meistens steht einer noch mit kussmundgeformten Lippen und halb geschlossenen Augen da, während der andere (das bin ich) bereits mit großen Schritten in die sichere Komfortzone zurückläuft. Das ist unhöflich, aber es verwirrt mich ebenso wie mein Gegenüber und es überrascht mich immer wieder, dass meine eindeutige Körpersprache mit einem zurückgelehnten Oberkörper und einer weit nach vorn ausgestreckten Hand missinterpretiert wird und ich offensichtlich so aussehe, als müsste ich unbedingt herzhaft gebusserlt werden.
Schutzlos ausgeliefert ist meine Komfortzone in der Sauna. Was ein Widerspruch in sich ist, denn ich möchte mich wohlfühlen und zwar während des ganzen Aufenthaltes dort. Doch wenn man die Aufgusszeiten nicht vorher auswendig gelernt hat, entstehen Situationen wie zuvor im Aufzug beschrieben. Die Tür geht auf und eine Horde wellness- und aufgussbegeisterter Saunierer stürmen die Sauna. Sie laufen über mein Handtuch - und ganz ehrlich: FÜßE haben schon gar nichts in meiner Komfortzone zu suchen! Ich habe selber 2 gesunde Füße, das reicht für meine Zone, mehr müssen da nicht rein. Und schon überhaupt nicht auf mein Handtuch! Die Sauna wird geflutet, die Menschen quetschen sich nebeneinander und dann das Desaster: verschwitzte Arme drücken von links und rechts an meine. Mit einem angeekelt-empörten Blick versuche ich meinen Mitsaunierern klar zu machen, dass ich das unter gar keinen Umständen möchte! Sie akzeptieren.... und fangen an, sich mit ihrem Schweiß einzureiben! Erstarrt sitze ich ohne Komfortzone dort, nicht fähig zu fliehen, die Tür ist bereits geschlossen, der Aufguss beginnt, ich bin gefangen. Nach 10 Minuten verlasse ich blass und angespannt die Sauna und schwöre, nie wieder an einem Aufguss teilzunehmen.
Sofern ich denn später alt und grau bin und einen Gehstock benötige, sollte meine Wohlfühlzone geschützt sein, denn jeder Eindringling wird sofort mit dem Stöckchen gepiekst und in seine richtige Position geschubst. Und wehe, er versucht mich anzustoßen...
Donnerstag, 27. September 2012
Freitag, 21. September 2012
Morgenmuffel
"Guten Morgeeeeeeeeen!!!!!!!!"
"....."
Außer einem kehligen Raunen darf man von mir keine Antwort erwarten. Und je fröhlicher der morgendliche Gruß ausfällt, desto wütender und muffeliger werde ich. Und desto schlechter wird der Morgen des vermeintlich freundlich Grüßenden. Ich hasse gute Laune am frühen Morgen, ebenso wie die Menschen mit den Kreissägen, die man tatsächlich deutschlandweit überall antrifft. Man kann hinziehen, wo man will, irgendwo wohnt er, der Mann mit der Kreissäge und er zögert nicht, diese in aller Herrgottsfrühe samstags morgens zu benutzen. Und wenn es keine Kreissäge ist, ist es ein Rasenmäher. Und es muss natürlich samstags morgens sein, um den Leuten, die einen gesunden Schlaf haben und sich nach einer anstrengenden Arbeitswoche auf einen Tag des Ausschlafens freuen, zu zeigen, wie arbeitsfreudig man morgens um 8 Uhr schon sein kann. Und wie lange man mit einer Kreissäge durcharbeiten kann. Irgendwann werde ich ihn finden... Es gibt nur ein Problem: wenn ich aufwache, bin ich keiner Sprache mächtig und nur bedingt bewegungsfähig.
Ich wache nicht auf, ich evolutioniere morgens. Angefangen von einem tierischen Knurren, das eindeutig an den hinterhältigen Wecker gerichtet ist, schaffe ich es nach etwa 5 Minuten, meinen Arm soweit zu bewegen, dass meine Hand in Höhe des Weckers gelenkt wird. Dann werden die Muskeln entspannt, die Hand landet mehr oder weniger gezielt auf der "Snooze"-Taste und ich schlafe weiter. Für 5 Minuten. Das Spiel wiederholt sich etwa viermal, dann ist der linke Arm wach. Mühsam lasse ich mich aus dem Bett fallen, die Beine funktionieren - meistens. Der Rücken ist die aufrechte Position noch nicht gewöhnt und so schleifen die Handrücken mehr oder weniger über den Boden - wie ein Neandertaler übe ich mich am aufrechten Gang. Glücklicherweise funktioniert mein Orientierungssinn, der mich ordnungsgemäß ins Badezimmer leitet. Dies funktioniert allerdings nur in der eigenen Wohnung, schlafe ich woanders, stellt sich mir das ein oder andere Mal heimtückisch eine Wand in den Weg - die ich nicht sehe, denn die Augenlider sind noch schwer und geschlossen. Glücklicherweise, denn so bleibt mir der Blick in den Spiegel erspart, der mich vermutlich unwillkürlich zurückschrecken ließe. Nach der Dusche kann ich aufrecht gehen, bin der Sprache allerdings noch nicht mächtig. Hier ist es wichtig, etwaigen Besuch vorzuwarnen. Wir bekommen keine Probleme, sofern er auch ein Morgenmuffel ist, es wird kurz und freundlich geknurrt und jeder schleppt sich weiter seines Weges. Sollte allerdings ein fröhlicher Frühaufsteher da sein, könnte sein Morgengruß durch ein Fauchen erwidert werden und dies gilt es durch eben jene Warnung zu vermeiden. Auf zur Kaffeemaschine. Mein Orientierungssinn bringt volle Leistung, der linke Arm ist bereits zur Höchstform aufgelaufen. Nachdem der Kaffee die Kehle runterrinnt, kann ich langsam mit Sprachübungen starten. Es ist kein richtiges "Guten Morgen", mehr ein "mrgnnnnn"... Vokale sind zu umständlich für die frühe Uhrzeit.
Äußerst unglücklich ist es, wenn es in der Familie einen Frühaufsteher und zwei Morgenneandertaler gibt. Meine Mutter ist ein fideler Frühaufsteher und wenn ich damals zur Schule musste, hatte man das Gefühl, die 2000 Worte, die sie in einer Stunde des Wachseins nicht aussprechen konnte, weil niemand freiwillig so früh aufsteht, mussten raus, wenn ich aufwache. Die Worte verhallten zwischen den drei Weckern und meinem Knurren. Fragen, die mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden konnten, waren zumindest irgendwie zu handhaben mit einem kurzen "grm" für "ja" und "grmgrmmmm" für "nein". Bis sie mich aus den Federn geschmissen hatte, war sie meist mit den Nerven am Ende, aber irgendwie hatte sie sich noch ein Stück guter Laune aufgehoben für den zweiten Morgenmuffel... meinen Vater. Während ich bereits bewegungsfähig aus dem Bad lief, wurde er freundlich geweckt, gefolgt von 20 Fragen und kurzen Einschüben, was heute morgen schon alles passiert sei. Auch dieses Mal wurde es nur mit einem kurzen Knurren gewürdigt. Ich glaube, einmal hat er es geschafft, "nachher" herauszubringen.
Es ist immer diese kleine Differenz zwischen den Frühaufstehern und den Morgenmuffeln, nur diese eine Stunde am Morgen, die dem glücklichen Tag entgegensteht.
Liebe Frühaufsteher, habt Mitleid mit uns. Wir quälen uns jeden Morgen und wir fänden es auch schöner, gut gelaunt aufstehen zu können. Es geht aber leider nicht - warum auch immer. Egal, wann ich ins Bett gehe, ich werde morgens nicht fit sein - und schon gar nicht freundlich!
Und erst wenn ich im Auto sitze, das Radio einschalte und losfahre, fühle ich mich als Mensch, bis der erste VOLLIDIOT WIE DER LETZTE NEANDERTALER DURCH DIE GEGEND FÄHRT!!!!!!
"....."
Außer einem kehligen Raunen darf man von mir keine Antwort erwarten. Und je fröhlicher der morgendliche Gruß ausfällt, desto wütender und muffeliger werde ich. Und desto schlechter wird der Morgen des vermeintlich freundlich Grüßenden. Ich hasse gute Laune am frühen Morgen, ebenso wie die Menschen mit den Kreissägen, die man tatsächlich deutschlandweit überall antrifft. Man kann hinziehen, wo man will, irgendwo wohnt er, der Mann mit der Kreissäge und er zögert nicht, diese in aller Herrgottsfrühe samstags morgens zu benutzen. Und wenn es keine Kreissäge ist, ist es ein Rasenmäher. Und es muss natürlich samstags morgens sein, um den Leuten, die einen gesunden Schlaf haben und sich nach einer anstrengenden Arbeitswoche auf einen Tag des Ausschlafens freuen, zu zeigen, wie arbeitsfreudig man morgens um 8 Uhr schon sein kann. Und wie lange man mit einer Kreissäge durcharbeiten kann. Irgendwann werde ich ihn finden... Es gibt nur ein Problem: wenn ich aufwache, bin ich keiner Sprache mächtig und nur bedingt bewegungsfähig.
Ich wache nicht auf, ich evolutioniere morgens. Angefangen von einem tierischen Knurren, das eindeutig an den hinterhältigen Wecker gerichtet ist, schaffe ich es nach etwa 5 Minuten, meinen Arm soweit zu bewegen, dass meine Hand in Höhe des Weckers gelenkt wird. Dann werden die Muskeln entspannt, die Hand landet mehr oder weniger gezielt auf der "Snooze"-Taste und ich schlafe weiter. Für 5 Minuten. Das Spiel wiederholt sich etwa viermal, dann ist der linke Arm wach. Mühsam lasse ich mich aus dem Bett fallen, die Beine funktionieren - meistens. Der Rücken ist die aufrechte Position noch nicht gewöhnt und so schleifen die Handrücken mehr oder weniger über den Boden - wie ein Neandertaler übe ich mich am aufrechten Gang. Glücklicherweise funktioniert mein Orientierungssinn, der mich ordnungsgemäß ins Badezimmer leitet. Dies funktioniert allerdings nur in der eigenen Wohnung, schlafe ich woanders, stellt sich mir das ein oder andere Mal heimtückisch eine Wand in den Weg - die ich nicht sehe, denn die Augenlider sind noch schwer und geschlossen. Glücklicherweise, denn so bleibt mir der Blick in den Spiegel erspart, der mich vermutlich unwillkürlich zurückschrecken ließe. Nach der Dusche kann ich aufrecht gehen, bin der Sprache allerdings noch nicht mächtig. Hier ist es wichtig, etwaigen Besuch vorzuwarnen. Wir bekommen keine Probleme, sofern er auch ein Morgenmuffel ist, es wird kurz und freundlich geknurrt und jeder schleppt sich weiter seines Weges. Sollte allerdings ein fröhlicher Frühaufsteher da sein, könnte sein Morgengruß durch ein Fauchen erwidert werden und dies gilt es durch eben jene Warnung zu vermeiden. Auf zur Kaffeemaschine. Mein Orientierungssinn bringt volle Leistung, der linke Arm ist bereits zur Höchstform aufgelaufen. Nachdem der Kaffee die Kehle runterrinnt, kann ich langsam mit Sprachübungen starten. Es ist kein richtiges "Guten Morgen", mehr ein "mrgnnnnn"... Vokale sind zu umständlich für die frühe Uhrzeit.
Äußerst unglücklich ist es, wenn es in der Familie einen Frühaufsteher und zwei Morgenneandertaler gibt. Meine Mutter ist ein fideler Frühaufsteher und wenn ich damals zur Schule musste, hatte man das Gefühl, die 2000 Worte, die sie in einer Stunde des Wachseins nicht aussprechen konnte, weil niemand freiwillig so früh aufsteht, mussten raus, wenn ich aufwache. Die Worte verhallten zwischen den drei Weckern und meinem Knurren. Fragen, die mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden konnten, waren zumindest irgendwie zu handhaben mit einem kurzen "grm" für "ja" und "grmgrmmmm" für "nein". Bis sie mich aus den Federn geschmissen hatte, war sie meist mit den Nerven am Ende, aber irgendwie hatte sie sich noch ein Stück guter Laune aufgehoben für den zweiten Morgenmuffel... meinen Vater. Während ich bereits bewegungsfähig aus dem Bad lief, wurde er freundlich geweckt, gefolgt von 20 Fragen und kurzen Einschüben, was heute morgen schon alles passiert sei. Auch dieses Mal wurde es nur mit einem kurzen Knurren gewürdigt. Ich glaube, einmal hat er es geschafft, "nachher" herauszubringen.
Es ist immer diese kleine Differenz zwischen den Frühaufstehern und den Morgenmuffeln, nur diese eine Stunde am Morgen, die dem glücklichen Tag entgegensteht.
Liebe Frühaufsteher, habt Mitleid mit uns. Wir quälen uns jeden Morgen und wir fänden es auch schöner, gut gelaunt aufstehen zu können. Es geht aber leider nicht - warum auch immer. Egal, wann ich ins Bett gehe, ich werde morgens nicht fit sein - und schon gar nicht freundlich!
Und erst wenn ich im Auto sitze, das Radio einschalte und losfahre, fühle ich mich als Mensch, bis der erste VOLLIDIOT WIE DER LETZTE NEANDERTALER DURCH DIE GEGEND FÄHRT!!!!!!
Samstag, 15. September 2012
Geisterstunde
Man kann ihn nicht sehen und doch existiert sein Mythos. Niemand konnte sein Dasein je beweisen, doch viele haben von Leuten gehört, die seinen Schatten gesehen haben, seine Anwesenheit spüren konnten. Niemand kennt seinen richtigen Namen, kann sein Aussehen konkret beschreiben. Wenn es ihn gibt, tarnt er sich - wandelt nur in den dunklen Ecken jener Gänge, beinahe lautlos und geheimnisvoll. Ja, er, dessen Name nicht genannt werden kann, ist eine besondere, mysteriöse Spezies. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, der Sage nachzugehen und jenes Rätsel zu lösen und Licht hinter den dichten Nebelvorhang zu bringen. Gibt es ihn wirklich - den Baumarktmitarbeiter?
Ich gehöre zu der großen Gruppe der "Ich-möchte-auf-gar-keinen-Fall-in-einen-Baumarkt,-muss-aber,-weil-ich-sonst-nicht-renovieren/umziehen-kann"-Leute. Und sind wir mal ehrlich, wer kommt bei einem Umzug schon mit einem einzigen Besuch in diesem ungeliebten Laden weg? Beim letzten Umzug habe ich mehrfache Checklisten geführt, um dem Baumarkt so wenig Besuche wie möglich abzustatten. Soweit ich mitgezählt habe, waren doch 6 Fahrten und gefühlte 1000 Stunden nötig, um alles, was man benötigt, zusammenzukramen.
Vor meinem ersten Baumarktbesuch wurde ich bereits vorgewarnt, mich kundig zu machen, was genau ich bräuchte, denn auf Hilfe könne ich hier nicht zählen. Und obwohl mir bewusst war, dass wir in der deutschen Servicewüste leben und nicht auf jeden Verkäufer zählen können, war ich auf DAS nicht vorbereitet. Während ich nach und nach in der unendlichen Weite des Malerbedarfs Kreppband und Pinselchen suchte, wanderten meine Augen von links nach rechts, ob ich nicht doch einen Blick auf einen Mitarbeiter des Baumarktes erhaschen könnte. Ich wusste, dass ich zum unangenehmen Teil schreiten musste, indem ich eine Bohr- sowie eine Schleifmaschine aussuchen musste (keine Sorge, ich habe beides nicht selber benutzt) und würde eine kleine Beratungshilfe benötigen. So begann meine Suche. Zwei Stunden lang lief ich durch die verlassenen Gänge, vorbei an Glühlampen, durch die Sanitärabteilung vorbei am Zuschnitt... und dort, wo eben in der Ferne noch eine Kreissäge erklungen ist, lag nur noch der feine Geruch des Holzes in der Luft. Absolute Stille. Bei den Farben erschrak ich kurz, als mir plötzlich ein Pärchen entgegenkam, die ebenfalls einen Mitarbeiter suchten. Verzweifelte Blicke. Und so musste ich zugeben, dass ich bei meinem ersten Besuch dort keinen Mitarbeiter zu Gesicht bekam. Auch beim 2. und 3. Mal nicht. Beim 4. Mal, sah ich noch das Bein und einen Schuh, welches verzweifelt versuchte, sich durch eine Tür durchzuzwängen, um bloß nicht... zu spät. Ich hatte vorher ein kleines Sprinttraining absolviert und konnte ihn so einholen. Ich sah weiterhin nur das Bein und auf meine Frage, wo die 40 Watt-Glühbirnen versteckt wären, drang aus dem Dunklen eine tiefe Stimme "Gucken Sie mal da, ich hab jetzt Pause". Ja, es mag anstrengend sein, den ganzen Tag auf der Flucht zu sein. Nach Möglichkeit jedem Kunden ausweichen zu müssen und wie ein Ninja durch den Laden zu schleichen, ist sicherlich ermattend.
Dann hatte ich den Plan, mindestens eine Begleitperson mit in den Baumarkt zu schleifen, um dann auszuschwirren. Auf ein Zeichen (z. B. ein Husten oder Pfeifen) sollte der andere demjenigen zu Hilfe eilen und der Mythos Baumarktmitarbeiter umzingelt werden. Und tatsächlich, ich hörte ein Husten, und eilte schnell in jene Richtung; er war umzingelt. Es kam ein schwaches Lächeln von dem Herrn, der nervös seine Brille zurecht rückte, da war klar: wir hatten den Falschen! Einen roten Pulli anzuziehen ist im Baumarkt offensichtlich kein Vorteil.
Doch dann kam er, mein Triumph und es ist mir tatsächlich gelungen, einen echten Baumarktmitarbeiter in seiner vollen Lebensgröße zu "fangen". Drei Leute und vier Stunden Tarnung waren dafür notwendig. Der Herr ergab sich seinem Schicksal, guckte unglücklich drein, doch letztlich gab er kompetente, qualifizierte Auskünfte. Es gibt ihn also den Mythos.
Und ich frage mich immer: "Warum?" Unqualifiziert sind sie nicht, unfreundlich auch nicht. Warum gibt es ihn nur in Baumärkten, den scheuen Mitarbeiter?
Und vor etwa einem Jahr habe ich das erste Exemplar getroffen, welches lächelnd mit sicherem Schritt auf mich zuging und fragte "Kann ich Ihnen helfen?" Erschrocken und zu tiefst geschockt taumelte ich zurück und rannte aus dem Baumarkt.
Ich habe diesen gruseligen Ort bis heute nicht mehr betreten. Möglicherweise keine schlechte Taktik von ihm!
Ich gehöre zu der großen Gruppe der "Ich-möchte-auf-gar-keinen-Fall-in-einen-Baumarkt,-muss-aber,-weil-ich-sonst-nicht-renovieren/umziehen-kann"-Leute. Und sind wir mal ehrlich, wer kommt bei einem Umzug schon mit einem einzigen Besuch in diesem ungeliebten Laden weg? Beim letzten Umzug habe ich mehrfache Checklisten geführt, um dem Baumarkt so wenig Besuche wie möglich abzustatten. Soweit ich mitgezählt habe, waren doch 6 Fahrten und gefühlte 1000 Stunden nötig, um alles, was man benötigt, zusammenzukramen.
Vor meinem ersten Baumarktbesuch wurde ich bereits vorgewarnt, mich kundig zu machen, was genau ich bräuchte, denn auf Hilfe könne ich hier nicht zählen. Und obwohl mir bewusst war, dass wir in der deutschen Servicewüste leben und nicht auf jeden Verkäufer zählen können, war ich auf DAS nicht vorbereitet. Während ich nach und nach in der unendlichen Weite des Malerbedarfs Kreppband und Pinselchen suchte, wanderten meine Augen von links nach rechts, ob ich nicht doch einen Blick auf einen Mitarbeiter des Baumarktes erhaschen könnte. Ich wusste, dass ich zum unangenehmen Teil schreiten musste, indem ich eine Bohr- sowie eine Schleifmaschine aussuchen musste (keine Sorge, ich habe beides nicht selber benutzt) und würde eine kleine Beratungshilfe benötigen. So begann meine Suche. Zwei Stunden lang lief ich durch die verlassenen Gänge, vorbei an Glühlampen, durch die Sanitärabteilung vorbei am Zuschnitt... und dort, wo eben in der Ferne noch eine Kreissäge erklungen ist, lag nur noch der feine Geruch des Holzes in der Luft. Absolute Stille. Bei den Farben erschrak ich kurz, als mir plötzlich ein Pärchen entgegenkam, die ebenfalls einen Mitarbeiter suchten. Verzweifelte Blicke. Und so musste ich zugeben, dass ich bei meinem ersten Besuch dort keinen Mitarbeiter zu Gesicht bekam. Auch beim 2. und 3. Mal nicht. Beim 4. Mal, sah ich noch das Bein und einen Schuh, welches verzweifelt versuchte, sich durch eine Tür durchzuzwängen, um bloß nicht... zu spät. Ich hatte vorher ein kleines Sprinttraining absolviert und konnte ihn so einholen. Ich sah weiterhin nur das Bein und auf meine Frage, wo die 40 Watt-Glühbirnen versteckt wären, drang aus dem Dunklen eine tiefe Stimme "Gucken Sie mal da, ich hab jetzt Pause". Ja, es mag anstrengend sein, den ganzen Tag auf der Flucht zu sein. Nach Möglichkeit jedem Kunden ausweichen zu müssen und wie ein Ninja durch den Laden zu schleichen, ist sicherlich ermattend.
Dann hatte ich den Plan, mindestens eine Begleitperson mit in den Baumarkt zu schleifen, um dann auszuschwirren. Auf ein Zeichen (z. B. ein Husten oder Pfeifen) sollte der andere demjenigen zu Hilfe eilen und der Mythos Baumarktmitarbeiter umzingelt werden. Und tatsächlich, ich hörte ein Husten, und eilte schnell in jene Richtung; er war umzingelt. Es kam ein schwaches Lächeln von dem Herrn, der nervös seine Brille zurecht rückte, da war klar: wir hatten den Falschen! Einen roten Pulli anzuziehen ist im Baumarkt offensichtlich kein Vorteil.
Doch dann kam er, mein Triumph und es ist mir tatsächlich gelungen, einen echten Baumarktmitarbeiter in seiner vollen Lebensgröße zu "fangen". Drei Leute und vier Stunden Tarnung waren dafür notwendig. Der Herr ergab sich seinem Schicksal, guckte unglücklich drein, doch letztlich gab er kompetente, qualifizierte Auskünfte. Es gibt ihn also den Mythos.
Und ich frage mich immer: "Warum?" Unqualifiziert sind sie nicht, unfreundlich auch nicht. Warum gibt es ihn nur in Baumärkten, den scheuen Mitarbeiter?
Und vor etwa einem Jahr habe ich das erste Exemplar getroffen, welches lächelnd mit sicherem Schritt auf mich zuging und fragte "Kann ich Ihnen helfen?" Erschrocken und zu tiefst geschockt taumelte ich zurück und rannte aus dem Baumarkt.
Ich habe diesen gruseligen Ort bis heute nicht mehr betreten. Möglicherweise keine schlechte Taktik von ihm!
Mittwoch, 5. September 2012
Stancer´s "Loblied auf die Tüchtigen"
Ich freue mich sehr, dass ich noch einmal die Gelegenheit habe, einen Post von Stancer übernehmen und hier mit seiner Genehmigung veröffentlichen zu dürfen.
Der brillante Blogpost passt nicht nur wunderbar zur derzeitigen Urlaubszeit, sondern ist auch ein gekonnter Angriff auf die Lachmuskeln, obwohl die Ursache dieses Themas einen Aufreger wert ist.
Viel Freude beim Lesen, genießt es!
Die Tage stand in der Zeitung, Umfragen zufolge würden neunundvierzig Prozent der erwerbstätigen Deutschen auch im Urlaub bis zu drei Stunden täglich arbeiten, mit dem Laptop auf Langeoog, dem Tablet auf Teneriffa, dem Smartphone auf den Seychellen oder dem Blackberry am Ballermann; dank moderner Technik muss auch in den entlegensten Winkeln der Welt niemand auf sein Büro verzichten, nur mal eben kurz schauen, wer so schreibt, nur mal eben kurz antworten.
Das ist erschreckend. Umgekehrt bedeutet das doch, einundfünfzig Prozent werden zwei bis drei Wochen lang keinen Gedanken an die Arbeit aufbringen, stattdessen untätig am Strand oder Pool liegen, durch die Gegend wandern oder gar noch nutzloser die wertvolle Zeit vergeuden, und das in der heutigen wirtschaftlich angespannten Zeit: Europa taumelt, der Euro kämpft ums Überleben, und gut die Hälfte der Deutschen macht im Urlaub einfach nur Urlaub; wo soll das hinführen?
Die Folgen diese Erholungs-Egoismus‘ sind gar nicht absehbar, schauen wir nur auf das Gesundheitswesen: Wie die Krankenkassen vermelden, ist in den letzten Jahren die Anzahl der Fälle psychischer Erkrankungen wie Burn Out dramatisch angestiegen, mittlerweile eine feste Größe, tausende von Psychologen verlassen sich darauf, dass dieser Trend anhält, bauen ihre berufliche Existenz darauf auf. Was aber, wenn die Deutschen ihren Urlaub ausschließlich zur Erholung nutzen, neue Kraft tanken für den Job, abschalten, erstarken, am Ende gar weniger krank werden? Was wird dann aus den gut ausgebildeten Psychologen? Einige können sicher umschulen auf Veterinär-Psychologie - auch die Zahl hysterischer Hauskatzen, neurotischer Neufundländer und depressiver Delfine nimmt schließlich unvermindert zu. Aber der Rest? Die stehen auf der Straße, werden psychisch labil und müssen sich bei ihren wenigen verbliebenen Kollegen in Behandlung begeben.
Das Bundesgesundheitsministerium ist alarmiert: wie ein Sprecher verlauten ließ, plant man bereits eine umfassende Vorsorge- und Informationskampagne. So bietet eine führende gesetzliche Krankenkasse seit kurzem die Seminare „Effizienz mit Halbpension“ und „Produktiv - All Inclusive“ für Arbeitnehmer an, eine weitere Krankenkasse prüft die Möglichkeit einer Beitragsanpassung für Nurlauber, die für die schönste Zeit des Jahres keinen vom Arbeitgeber bestätigten Tätigkeitsnachweis vorlegen können.
Gepriesen seid o ihr Tüchtigen. Der Zeitungsartikel hat mir die Augen geöffnet, gleichzeitig nagt das schlechte Gewissen an mir, gehöre doch auch ich zu denjenigen, die am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub einfach eine Abwesenheitsmeldung in Outlook eingestellt, den Rechner heruntergefahren und das dienstliche Mobiltelefon ausgeschaltet haben, bis in zwei Wochen, und tschüs. Zwar werden in dieser Zeit voraussichtlich allein aufgrund meiner Abwesenheit weder Flugzeuge abstürzen noch Atomreaktoren explodieren, auch wird deswegen vermutlich nicht ein einziges Paket später bei seinem Empfänger ankommen.
Doch ich gelobe Besserung. Ab dem nächsten Urlaub. Dabei erscheinen mir drei Stunden täglich angesichts der ernsten Lage zu niedrig gegriffen: zum Wohle des Unternehmens, der Wirtschaft, Deutschlands, der Menschheit sollte man sich für acht bis zehn Stunden nicht zu schade sein. Urlaub wird heutzutage ohnehin völlig überbewertet.
Der brillante Blogpost passt nicht nur wunderbar zur derzeitigen Urlaubszeit, sondern ist auch ein gekonnter Angriff auf die Lachmuskeln, obwohl die Ursache dieses Themas einen Aufreger wert ist.
Viel Freude beim Lesen, genießt es!
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Loblied auf die Tüchtigen
Das ist erschreckend. Umgekehrt bedeutet das doch, einundfünfzig Prozent werden zwei bis drei Wochen lang keinen Gedanken an die Arbeit aufbringen, stattdessen untätig am Strand oder Pool liegen, durch die Gegend wandern oder gar noch nutzloser die wertvolle Zeit vergeuden, und das in der heutigen wirtschaftlich angespannten Zeit: Europa taumelt, der Euro kämpft ums Überleben, und gut die Hälfte der Deutschen macht im Urlaub einfach nur Urlaub; wo soll das hinführen?
Die Folgen diese Erholungs-Egoismus‘ sind gar nicht absehbar, schauen wir nur auf das Gesundheitswesen: Wie die Krankenkassen vermelden, ist in den letzten Jahren die Anzahl der Fälle psychischer Erkrankungen wie Burn Out dramatisch angestiegen, mittlerweile eine feste Größe, tausende von Psychologen verlassen sich darauf, dass dieser Trend anhält, bauen ihre berufliche Existenz darauf auf. Was aber, wenn die Deutschen ihren Urlaub ausschließlich zur Erholung nutzen, neue Kraft tanken für den Job, abschalten, erstarken, am Ende gar weniger krank werden? Was wird dann aus den gut ausgebildeten Psychologen? Einige können sicher umschulen auf Veterinär-Psychologie - auch die Zahl hysterischer Hauskatzen, neurotischer Neufundländer und depressiver Delfine nimmt schließlich unvermindert zu. Aber der Rest? Die stehen auf der Straße, werden psychisch labil und müssen sich bei ihren wenigen verbliebenen Kollegen in Behandlung begeben.
Das Bundesgesundheitsministerium ist alarmiert: wie ein Sprecher verlauten ließ, plant man bereits eine umfassende Vorsorge- und Informationskampagne. So bietet eine führende gesetzliche Krankenkasse seit kurzem die Seminare „Effizienz mit Halbpension“ und „Produktiv - All Inclusive“ für Arbeitnehmer an, eine weitere Krankenkasse prüft die Möglichkeit einer Beitragsanpassung für Nurlauber, die für die schönste Zeit des Jahres keinen vom Arbeitgeber bestätigten Tätigkeitsnachweis vorlegen können.
Gepriesen seid o ihr Tüchtigen. Der Zeitungsartikel hat mir die Augen geöffnet, gleichzeitig nagt das schlechte Gewissen an mir, gehöre doch auch ich zu denjenigen, die am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub einfach eine Abwesenheitsmeldung in Outlook eingestellt, den Rechner heruntergefahren und das dienstliche Mobiltelefon ausgeschaltet haben, bis in zwei Wochen, und tschüs. Zwar werden in dieser Zeit voraussichtlich allein aufgrund meiner Abwesenheit weder Flugzeuge abstürzen noch Atomreaktoren explodieren, auch wird deswegen vermutlich nicht ein einziges Paket später bei seinem Empfänger ankommen.
Doch ich gelobe Besserung. Ab dem nächsten Urlaub. Dabei erscheinen mir drei Stunden täglich angesichts der ernsten Lage zu niedrig gegriffen: zum Wohle des Unternehmens, der Wirtschaft, Deutschlands, der Menschheit sollte man sich für acht bis zehn Stunden nicht zu schade sein. Urlaub wird heutzutage ohnehin völlig überbewertet.
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Samstag, 18. August 2012
Unbegabt
"Das ist aber ein schönes Bild, so bunt. Soll das ein Herbstwald sein?"
"Nein, das ist eine Giraffe!"
So fing es an. Malen war nie meins. Unglücklicherweise malt man sehr viel in seiner Schullaufbahn. Eigentlich werden die Bilder immer anspruchsvoller... mit Fluchtpunkten und Aquarell. Und jeder meiner Klasse entwickelte sich weiter. Die Bilder wurden ausgehängt und die Eltern konnten stolz die Werke ihrer Kinder bestaunen. Meine Eltern nicht. Nie. Die Bilder verschwanden vor der Ausstellung auf mysteriöse Weise. Vielleicht auch Glück für meine Eltern, sonst hätten sie das Trauerspiel noch schön reden müssen.
Einmal sollten wir uns einen Arbeitspartner suchen und ein Portrait zeichnen. Mein Arbeitspartner hat danach nie wieder mit mir gesprochen.
Ton- und Holzfiguren waren da schon einfacher... die Arbeit mit nach Hause nehmen, das Häufchen Elend Mutter in die Hand drücken, die glücklicherweise ein besseres Händchen dafür hatte, und machen lassen. Sie hat eine glatte 2 dafür bekommen.
Es ist nicht so, als hätte ich nicht gewollt, aber ich konnte es einfach nicht. Das hält sich hartnäckig bis heute.
Man kann ja nicht alles können. Dafür könnte man ja sportlich sein. Nunja. Nein. Ich habe mir während des Sportunterrichts zwei Mal den Arm gebrochen. Nicht bei extravaganten Turnübungen, Stabhochsprung oder waghalsigen Figuren am Reck oder an den Ringen. Soweit wäre ich nie gegangen. Ich habe Geräteturnen ohnehin gehasst. Dieser blöde Bock wurde beim Daraufzulaufen immer höher... ein Wolkenkratzer und das vergleichsweise minimalistische Sprungbrett verschwindend klein. Grundsätzlich habe ich eine Sekunde vorher abgedreht und mich wieder hinten in die Schlange eingereiht.
Den Arm hatte ich mir beide Male beim Joggen gebrochen. Einmal bin ich ausgerutscht, das andere Mal gegen die Wand gelaufen. Ja, ich bin schon eine Sportskanone.
Ballspiele endeten in einer Katastrophe. Badminton hat sich mir bis heute nicht erschlossen: ein derart winziger Schläger für einen vergleichsweise großen Ball... Und das Netz... wieso muss da ein Netz hängen?
Brennball.. für mich ein winzig kleiner Ball, den man in der Unendlichkeit der Sporthalle aufheben - im schlimmsten Fall - fangen muss.
Bei Fußball endete der Spaß gänzlich, nachdem ich mit voller Wucht derart heftig angeschossen wurde, dass ich wie ein Pappmännchen zu Boden ging.
Sportfeste waren der Gipfel meiner Erniedrigung. Es gibt viele Fotos mit den Teilnehmern, die stolz ihre Ehren- und Siegerurkunden in den Händen halten. Von mir nicht. Ich war grundsätzlich froh, wenn ich es beim Weitsprung überhaupt in den Sand schaffte, beim Ballwurf niemandem den Ball vor den Kopf warf und beim Laufen die Endmarke erreichte. Mein ganzer Stolz war es, weder mich selbst, noch andere verletzt zu haben.
Aber es gab ja auch Musikunterricht. Angefangen beim Blockflötenspiel. Ich hasse Blockflöten. Dieses dissonante Gefiepe, bei dem man möglichst stolz drein blicken muss, während das Kind mit strahlenden Augen "Alle meine Entchen" zum Besten gibt. Ich habe mich erfolgreich gegen Blockflöten gewehrt und habe mich an dem Keyboard versucht. Nach einigen Übungsstunden und blutenden Ohren meiner Zuhörer gab ich es auf. Zum Wohle meiner Mitmenschen.
Beim Singen im Musikunterricht konnte ich glänzen. Dachte ich. Nach der 3. Stunde nahm unser Musiklehrer mich beiseite. Mit der Bitte, ab sofort nur noch die Lippen zu bewegen, ohne einen Ton zu erzeugen.
Musikalisch bin ich also auch nicht.
All das liegt lange zurück und ich habe mich nie unterkriegen lassen. Grundsätzlich probiere ich neue Sachen aus, um zu sehen, wie talentfrei ich genau in diesem Bereich bin. So weiß ich wenigstens, was ich alles nicht kann. Oder was ich weniger nicht kann.
Bälle, Musikinstrumente und Malwerkzeuge sind aus meinem Leben verschwunden. Ebenso wie eine Werkzeugkiste. Möbel zusammenbauen ist auch eher ein Nicht-Talent von mir. Eigentlich war es nur ein Nachttischchen mit 4 Brettern und 3 Schrauben. Es kostete mich einen Tag, ca. 1 Liter Blut. Schließlich war es fertig, hatte allerdings linkerhand einen Riss von rechts unten nach links oben. Die Kunst ist, es so hinzustellen, dass die Macke nicht mehr auffällt.
Kochen ist ebenso eines meiner vielen Nicht-Talente. Bekannte und Familie nehmen vorher ein großes Mahl ein, denn bei mir gibt es meistens Kleinigkeiten, die zwar gut aussehen können, aber weder satt machen noch besonders schmackhaft sind. Dafür gibt es bei mir genug alkoholische Getränke - als Wiedergutmachung - und zum Nachspülen.
Wenn man nicht-talentiert ist, sollte das größte Talent sein, all sein Nicht-Können charmant zu vertuschen. Es bedarf viel Humor. Und genau das kann ich: über mich selber lachen. Mich davon nicht beeindrucken lassen. Und wenn mich jemand fragt, was ich besonders gut kann, antworte ich: "Nichts. Aber das kann ich richtig gut und mit voller Leidenschaft."
Und dann schaue ich mit verträumten Blick aus dem Fenster und stelle mir vor, wie ich mit einer Gitarre in der Hand an den Ringen Kunststücke vollbringe und nebenher ein Nachttischchen zusammenbaue.
"Nein, das ist eine Giraffe!"
So fing es an. Malen war nie meins. Unglücklicherweise malt man sehr viel in seiner Schullaufbahn. Eigentlich werden die Bilder immer anspruchsvoller... mit Fluchtpunkten und Aquarell. Und jeder meiner Klasse entwickelte sich weiter. Die Bilder wurden ausgehängt und die Eltern konnten stolz die Werke ihrer Kinder bestaunen. Meine Eltern nicht. Nie. Die Bilder verschwanden vor der Ausstellung auf mysteriöse Weise. Vielleicht auch Glück für meine Eltern, sonst hätten sie das Trauerspiel noch schön reden müssen.
Einmal sollten wir uns einen Arbeitspartner suchen und ein Portrait zeichnen. Mein Arbeitspartner hat danach nie wieder mit mir gesprochen.
Ton- und Holzfiguren waren da schon einfacher... die Arbeit mit nach Hause nehmen, das Häufchen Elend Mutter in die Hand drücken, die glücklicherweise ein besseres Händchen dafür hatte, und machen lassen. Sie hat eine glatte 2 dafür bekommen.
Es ist nicht so, als hätte ich nicht gewollt, aber ich konnte es einfach nicht. Das hält sich hartnäckig bis heute.
Man kann ja nicht alles können. Dafür könnte man ja sportlich sein. Nunja. Nein. Ich habe mir während des Sportunterrichts zwei Mal den Arm gebrochen. Nicht bei extravaganten Turnübungen, Stabhochsprung oder waghalsigen Figuren am Reck oder an den Ringen. Soweit wäre ich nie gegangen. Ich habe Geräteturnen ohnehin gehasst. Dieser blöde Bock wurde beim Daraufzulaufen immer höher... ein Wolkenkratzer und das vergleichsweise minimalistische Sprungbrett verschwindend klein. Grundsätzlich habe ich eine Sekunde vorher abgedreht und mich wieder hinten in die Schlange eingereiht.
Den Arm hatte ich mir beide Male beim Joggen gebrochen. Einmal bin ich ausgerutscht, das andere Mal gegen die Wand gelaufen. Ja, ich bin schon eine Sportskanone.
Ballspiele endeten in einer Katastrophe. Badminton hat sich mir bis heute nicht erschlossen: ein derart winziger Schläger für einen vergleichsweise großen Ball... Und das Netz... wieso muss da ein Netz hängen?
Brennball.. für mich ein winzig kleiner Ball, den man in der Unendlichkeit der Sporthalle aufheben - im schlimmsten Fall - fangen muss.
Bei Fußball endete der Spaß gänzlich, nachdem ich mit voller Wucht derart heftig angeschossen wurde, dass ich wie ein Pappmännchen zu Boden ging.
Sportfeste waren der Gipfel meiner Erniedrigung. Es gibt viele Fotos mit den Teilnehmern, die stolz ihre Ehren- und Siegerurkunden in den Händen halten. Von mir nicht. Ich war grundsätzlich froh, wenn ich es beim Weitsprung überhaupt in den Sand schaffte, beim Ballwurf niemandem den Ball vor den Kopf warf und beim Laufen die Endmarke erreichte. Mein ganzer Stolz war es, weder mich selbst, noch andere verletzt zu haben.
Aber es gab ja auch Musikunterricht. Angefangen beim Blockflötenspiel. Ich hasse Blockflöten. Dieses dissonante Gefiepe, bei dem man möglichst stolz drein blicken muss, während das Kind mit strahlenden Augen "Alle meine Entchen" zum Besten gibt. Ich habe mich erfolgreich gegen Blockflöten gewehrt und habe mich an dem Keyboard versucht. Nach einigen Übungsstunden und blutenden Ohren meiner Zuhörer gab ich es auf. Zum Wohle meiner Mitmenschen.
Beim Singen im Musikunterricht konnte ich glänzen. Dachte ich. Nach der 3. Stunde nahm unser Musiklehrer mich beiseite. Mit der Bitte, ab sofort nur noch die Lippen zu bewegen, ohne einen Ton zu erzeugen.
Musikalisch bin ich also auch nicht.
All das liegt lange zurück und ich habe mich nie unterkriegen lassen. Grundsätzlich probiere ich neue Sachen aus, um zu sehen, wie talentfrei ich genau in diesem Bereich bin. So weiß ich wenigstens, was ich alles nicht kann. Oder was ich weniger nicht kann.
Bälle, Musikinstrumente und Malwerkzeuge sind aus meinem Leben verschwunden. Ebenso wie eine Werkzeugkiste. Möbel zusammenbauen ist auch eher ein Nicht-Talent von mir. Eigentlich war es nur ein Nachttischchen mit 4 Brettern und 3 Schrauben. Es kostete mich einen Tag, ca. 1 Liter Blut. Schließlich war es fertig, hatte allerdings linkerhand einen Riss von rechts unten nach links oben. Die Kunst ist, es so hinzustellen, dass die Macke nicht mehr auffällt.
Kochen ist ebenso eines meiner vielen Nicht-Talente. Bekannte und Familie nehmen vorher ein großes Mahl ein, denn bei mir gibt es meistens Kleinigkeiten, die zwar gut aussehen können, aber weder satt machen noch besonders schmackhaft sind. Dafür gibt es bei mir genug alkoholische Getränke - als Wiedergutmachung - und zum Nachspülen.
Wenn man nicht-talentiert ist, sollte das größte Talent sein, all sein Nicht-Können charmant zu vertuschen. Es bedarf viel Humor. Und genau das kann ich: über mich selber lachen. Mich davon nicht beeindrucken lassen. Und wenn mich jemand fragt, was ich besonders gut kann, antworte ich: "Nichts. Aber das kann ich richtig gut und mit voller Leidenschaft."
Und dann schaue ich mit verträumten Blick aus dem Fenster und stelle mir vor, wie ich mit einer Gitarre in der Hand an den Ringen Kunststücke vollbringe und nebenher ein Nachttischchen zusammenbaue.
Dienstag, 14. August 2012
Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an...
"Vielen Dank für Ihren Anruf. Leider rufen Sie außerhalb unserer Öffnungszeiten an. Wir sind montags und mittwochs von 10:30 Uhr bis 10:45, dienstags und donnerstags von 11:00 Uhr bis 11:05 Uhr, nachmittags von 16:25 Uhr bis 16:26 Uhr zu erreichen. Freitags haben wir geschlossen."
Zaghafte Versuche zu angegebenen Zeiten sind zumeist erfolglos. Eigentlich hat man nur eine kleine Frage, benötigt eine Auskunft, möchte "nur kurz" etwas ändern. Aus solchen Situationen entsteht eine verzweifelte Verfolgungsjagd, exakt die Sprechzeiten zu erwischen, nicht in der Warteschleife zu landen oder das "Besetztzeichen" hören zu müssen. In Normalfall gibt der Pessimist nach 3 Tagen mit den Worten "da erreiche ich eh keinen" auf. Der Optimist lässt noch einige Nerven und versucht sein Glück beharrlich ein paar Tage länger. Erfolglos.
Bei solchen Anrufen neigt man dazu, sich ein menschenleeres Großraumbüro vorzustellen, in dem zwar Telefone klingen, das Läuten aber in den verlassenen Hallen leise erstirbt, während Steppenläufer wie in einem schlechten Western durch die Räume fliegen.
Da mittlerweile Frauen sowie Männer ganztags arbeiten, wird die kleine Erledigung zu einem Spießroutenlauf. Gewisse Termine werden auf Urlaubstage verteilt, manches bleibt ganz auf der Strecke oder wird per E-Mail abgearbeitet. Man darf aber nicht meinen, die kurze elektronische Nachricht sei eine Erleichterung. Etwa 3 Wochen später - nachdem diese Aufgabe in unserem Gehirn in den bunt bemalten "Erledigt"-Ordner verschoben wurde - kommt eine elektronische Antwort, dass
a) das folgende 20 Seiten lange Formular ausgefüllt und postalisch zurückgeschickt werden muss
b) man ein Postident benötigt, der worst case!
So wird die Aufgabe wieder in den schwarz behangenen "To-Do"-Ordner unseres Gehirns verschoben. Nun gut, eigentlich wird das Formular sofort im "Papierkorb" abgelegt - ein automatisierter Vorgang.
Das Postidentverfahren an sich ist eine gute Sache - wären da nicht die Öffnungszeiten der Post, die für die arbeitende Bevölkerung nicht geschaffen sind. Und ich möchte damit nicht sagen, dass die Postbeamten nicht arbeiten. Sie sind nämlich sehr wohl vorher und nachher anwesend, nur nicht für den Kunden. Nun könnte man auf die pfiffige Idee kommen, seine Mittagspause zu opfern und schnell zur Post zu fahren. Doch auch hier bleibt man erfolglos, denn die Post hatte die gleiche Idee mit der Mittagspause. So muss man sich entweder samstags früh aus dem Bett hieven oder man verschiebt auch die Aufgabe in den Papierkorb.
Noch schlimmer sind allerdings die Wartezeiten für Telefonanschlüsse. Ein Wunschtermin kein Problem, sofern man den ganzen Tag - und zwar von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr zu Hause sitzt, um auf den Telefon- und/oder Internetanschluss zu warten.
Duschen und längere Sitzungen auf der Toilette sind ausgeschlossen, denn wir können uns sicher sein, dass es genau in dem Moment, wenn man sich auf dem WC häuslich eingerichtet hat oder man mit shampoonierten Haaren unter der Dusche steht, klingelt. Und zwar nur einmal. Reagiert man nicht in den nächsten 20 Sekunden, ist der Termin verfallen und man findet ein fröhliches Zettelchen im Briefkasten mit der Bitte um einen neuen Termin.
Erfahrungsgemäß kommt mein Anschlussmensch NIE vor 18:00 Uhr, das heißt, ich habe vergebens einen Tag Urlaub genommen, den ich nicht mit Freizeitaktivitäten füllen konnte, weil der Herr ja jederzeit hätte eintreffen können.
Hätte ich ein 20-seitiges Formular, hätte ich dieses jedoch bereits ausfüllen können. Aber nicht abschicken. Ich kann ja nicht aus dem Haus. Jedes - ja, wirklich jedes Mal in solchen Fällen frage ich mich, wo das Problem einer vernünftigen Terminvergabe liegt. Fährt der Fahrer nach Lust und Laune los? Überlegt er während der Fahrt seine Route? Steht er morgens auf und wenn die Sonne scheint, verläuft die Tour von Süden gen Norden? Bei Gewitter von Osten nach Westen? Sollte sich diese Abwicklung jemandem erschlossen haben, möge er mir bitte zum allgemeinen Verständnis einen Kommentar hinterlassen - oder für immer Schweigen.
Duschen und längere Sitzungen auf der Toilette sind ausgeschlossen, denn wir können uns sicher sein, dass es genau in dem Moment, wenn man sich auf dem WC häuslich eingerichtet hat oder man mit shampoonierten Haaren unter der Dusche steht, klingelt. Und zwar nur einmal. Reagiert man nicht in den nächsten 20 Sekunden, ist der Termin verfallen und man findet ein fröhliches Zettelchen im Briefkasten mit der Bitte um einen neuen Termin.
Erfahrungsgemäß kommt mein Anschlussmensch NIE vor 18:00 Uhr, das heißt, ich habe vergebens einen Tag Urlaub genommen, den ich nicht mit Freizeitaktivitäten füllen konnte, weil der Herr ja jederzeit hätte eintreffen können.
Hätte ich ein 20-seitiges Formular, hätte ich dieses jedoch bereits ausfüllen können. Aber nicht abschicken. Ich kann ja nicht aus dem Haus. Jedes - ja, wirklich jedes Mal in solchen Fällen frage ich mich, wo das Problem einer vernünftigen Terminvergabe liegt. Fährt der Fahrer nach Lust und Laune los? Überlegt er während der Fahrt seine Route? Steht er morgens auf und wenn die Sonne scheint, verläuft die Tour von Süden gen Norden? Bei Gewitter von Osten nach Westen? Sollte sich diese Abwicklung jemandem erschlossen haben, möge er mir bitte zum allgemeinen Verständnis einen Kommentar hinterlassen - oder für immer Schweigen.
Behördliche Einrichtungen ... Wir nähern uns langsam der Geduldsgrenze. Die Publikumszeiten sind derart geschickt gewählt, dass man meinen möchte, die Ämter wollen gar nicht, dass ich persönlich vorbei komme! Auch nicht anrufe. Am besten lässt man sie komplett in Ruhe. Das gleiche Theater wie bei der Post, die Büros sind voll, die Leute weigern sich nur, außerhalb der Sprechzeiten ans Telefon zu gehen. Unglücklicherweise hat man bei Ämtern im Normalfall keine Wahl, man muss nunmal. Wieder ein Urlaubstag dahin.
Was aber machen die unglücklichen Mitarbeiter selber, wenn sie zum Amt müssen? Bevor wir nächstes Mal einem Beamten grämig gegenübersitzen, sollten wir ein süffisantes Lächeln aufsetzen und uns sagen, dass auch er sich Urlaub nehmen muss, wenn er etwas Wichtiges in einem anderen Amt zu erledigen hat.
Und den Leuten der Telefongesellschaft wünsche ich - ganz heimlich - viel Post mit 20-seitigen Formularen.
Und den Leuten der Telefongesellschaft wünsche ich - ganz heimlich - viel Post mit 20-seitigen Formularen.
Freitag, 10. August 2012
Stilbruch
Es ist nicht so, als wäre ich erzkonservativ. Aber ich finde, unserer Gesellschaft ist etwas Wichtiges verloren gegangen. In einem langsam schleichenden Prozess. Und nun findet man ihn nur noch selten: Stil.
Zuerst aufgefallen ist es mir, als ich vor Jahren Karten für ein klassisches Musical hatte. Ich hatte mich in meinen feinsten Zwirn geschmissen, man geht ja nicht ins Kino, sondern eine Abendveranstaltung und möchte entsprechend angemessen gekleidet sein. Unglücklicherweise war ich der wohl einzige Besucher mit dieser Meinung. Meine Begleitung und ich standen abseits - ein wenig aussätzig könnte man sagen. Die Leute - in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen gekleidet schauten uns an, als wären wir irgendwo falsch abgebogen. Wir schauten zurück. Und gingen hoch erhobenen Hauptes durch den Abend.
Es waren weniger die Blicke, die mich verärgerten. Wir haben etwa 100 € pro Karte bezahlt, es war ein Samstag Abend, man war vorher in einem guten Restaurant essen und ich hatte verdammt noch mal etwas mehr Stil an diesem Abend erwartet. Für ein Musical muss niemand ein Ballkleid oder Smoking anziehen, aber Jeans und Turnschuhe sind doch nun wirklich eher ... Kino. Bei den Eintrittspreisen nicht mal mehr das, aber gut.
Neuer Plan: nächstes Mal noch mehr Eintrittsgeld bezahlen und an einer Silvestergala in einem 5 Sterne-Hotel teilnehmen. Und tatsächlich: die Damen in Abendkleidern, die Herren in Smokings, wundervoll gedeckte Tische. Es war ein Abend wie im Bilderbuch. Links ein rotes Ballkleid, rechts ein teurer Smoking, dort vorn...ausgelatschte Turnschuhe, zerrissene Jeans und ein Feinripp-Unterhemd?! Was zum Teufel...? Ich schaute weg... möglicherweise hatte ich ein Gläschen Wein zu viel. Aber in der Tat, dieses Outfit gehört zu einer Gruppe junger Leute Anfang 20. Ich orakele heute noch, ob die Karten für den Abend so teuer waren, dass sie ihre letzten Lumpen anziehen mussten oder sie eine Wette verloren hatten. Auf jeden Fall unpassend. Setzen, 6!
Und warum sagt das Hotel nichts dazu? Wie in Kasinos zum Beispiel. Ein Sakko drüber hätte es schon getan. Es ist ja nicht so, als könne man Jeans nicht auch chic kombinieren.
Stil ist aber nicht nur angemessene Kleidung zu einem bestimmten Ereignis:
Und Stil bedeutet nicht, dass man reich sein muss, um stilvoll zu sein. Denn es handelt sich glücklicherweise um eine Eigenschaft, die man nicht unbedingt käuflich erwerben kann. Man kann den Leuten die Auffassung "Es war teuer, ich kann es mir leisten und habe damit jetzt Stil" ansehen. Da stehen sie. In einem Zebramantel oder Pandaschuhen oder Gott weiß was für einem unnötigen und ausgefallenen Zeug. Aufgespritzten Lippen, gelifteten Gesichtern, gerichtetem Kinn, gestrafften Brüsten, verlängerten Beinen, gebotoxter Stirn, angelegten Ohren und gekürzten Näschen. Ja, man übersieht sie nicht. Nur sind sie nicht stilvoll. Allenfalls bedauernswert. Nicht annähernd können diese Leute Roger Moore oder Katherine Hepburn das Wasser reichen.
Filme aus den 60er Jahren sind überfüllt mit Charme und Eleganz. Die Frau stand in einem hübschen Kleid und Pumps vor dem Herd, der Mann rauchte seine Zigarre/Pfeife und hatte Mut zum Hut. Nicht wie heute, einer Zeit, wo sich nach einem langen Arbeitstag die Jogginghose angezogen und die Flimmerkiste angeworfen wird. Allerdings war das Weltbild auch ein anderes und Frauen gehören eben nicht mehr nur allein hinter den Herd und Männer sind auch nicht mehr die Alleinverdiener. In diesem Fall: ein klares Plus für die heutige Zeit. Aber es geht ja hier auch gar nicht um die Emanzipation. Sondern um die stets präsente Eleganz, die heute durch das Legere und Coole in den Hintergrund gerückt ist.
Wie schön wäre doch ein stilvoller Mix aus beidem - mal locker und cool, mal elegant und chic.
In diesem Sinne: ein stilvolles Wochenende!
Zuerst aufgefallen ist es mir, als ich vor Jahren Karten für ein klassisches Musical hatte. Ich hatte mich in meinen feinsten Zwirn geschmissen, man geht ja nicht ins Kino, sondern eine Abendveranstaltung und möchte entsprechend angemessen gekleidet sein. Unglücklicherweise war ich der wohl einzige Besucher mit dieser Meinung. Meine Begleitung und ich standen abseits - ein wenig aussätzig könnte man sagen. Die Leute - in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen gekleidet schauten uns an, als wären wir irgendwo falsch abgebogen. Wir schauten zurück. Und gingen hoch erhobenen Hauptes durch den Abend.
Es waren weniger die Blicke, die mich verärgerten. Wir haben etwa 100 € pro Karte bezahlt, es war ein Samstag Abend, man war vorher in einem guten Restaurant essen und ich hatte verdammt noch mal etwas mehr Stil an diesem Abend erwartet. Für ein Musical muss niemand ein Ballkleid oder Smoking anziehen, aber Jeans und Turnschuhe sind doch nun wirklich eher ... Kino. Bei den Eintrittspreisen nicht mal mehr das, aber gut.
Neuer Plan: nächstes Mal noch mehr Eintrittsgeld bezahlen und an einer Silvestergala in einem 5 Sterne-Hotel teilnehmen. Und tatsächlich: die Damen in Abendkleidern, die Herren in Smokings, wundervoll gedeckte Tische. Es war ein Abend wie im Bilderbuch. Links ein rotes Ballkleid, rechts ein teurer Smoking, dort vorn...ausgelatschte Turnschuhe, zerrissene Jeans und ein Feinripp-Unterhemd?! Was zum Teufel...? Ich schaute weg... möglicherweise hatte ich ein Gläschen Wein zu viel. Aber in der Tat, dieses Outfit gehört zu einer Gruppe junger Leute Anfang 20. Ich orakele heute noch, ob die Karten für den Abend so teuer waren, dass sie ihre letzten Lumpen anziehen mussten oder sie eine Wette verloren hatten. Auf jeden Fall unpassend. Setzen, 6!
Und warum sagt das Hotel nichts dazu? Wie in Kasinos zum Beispiel. Ein Sakko drüber hätte es schon getan. Es ist ja nicht so, als könne man Jeans nicht auch chic kombinieren.
Stil ist aber nicht nur angemessene Kleidung zu einem bestimmten Ereignis:
- Stil bedeutet, nicht stundenlang an seinem Smartphone herumzutippeln, während andere dabei sind.
- Stil bedeutet, sich auch mal ohne "Ey! Alter! Sachma! Boah!" oder "Leck mich am Arsch" ausdrücken zu können
- Stil bedeutet, nicht einfach dazwischen zu platzen, wenn man telefoniert. Hier muss ich kurz unterbrechen. Denn auch hierzu habe ich ein hervorragendes Beispiel. Ich arbeite in einem Großraumbüro und es ist nicht zu glauben, aber wahr, hier gibt es auch Telefone. Natürlich bemüht man sich, leise zu reden, um andere nicht zu stören. Aber eigentlich ist das Gespräch doch für andere vernehmbar. Das hat mein Chef sich zunutze gemacht und so selten er mir was zu sagen hatte, so häufig fing er Gespräche an, sobald ich am Telefon war. Nun darf man sich nicht vorstellen, dass er neben mir stand und ins linke Ohr gesprochen hat. Die Mühe war es ihm nicht wert und so rief er mir aus der anderen Ecke des Büros fröhlich seine Kommentare zu. DAS IST NICHT STILVOLL!
- Stil bedeutet eigentlich auch, sich sonntags chic zu machen und spazieren zu gehen. Allerdings bin ich in dieser Hinsicht sehr froh über den ausgestorbenen Sonntagsstil. Das war mir dann doch zu viel des Guten.
- Stil bedeutet, manchmal herausgeputzt und mit strahlenden Augen eine Veranstaltung beizuwohnen, auf die man sich schon eine ganze Weile gefreut hat.
- Stil bedeutet, sich kurzzeitig mal ein wenig Luxus zu gönnen und ihn zu genießen. Und das bedeutet nicht den Kellner anzupöbeln mit den Worten "Herr Ober, da schwimmt was in meinem Sekt" mit der Erwiderung "Das ist Blattgold ... in Ihrem CHAMPAGNER!"
- Stil ist auch Benehmen, Respekt den Mitmenschen gegenüber. Ein bisschen Knigge tut keinem weh!
Und Stil bedeutet nicht, dass man reich sein muss, um stilvoll zu sein. Denn es handelt sich glücklicherweise um eine Eigenschaft, die man nicht unbedingt käuflich erwerben kann. Man kann den Leuten die Auffassung "Es war teuer, ich kann es mir leisten und habe damit jetzt Stil" ansehen. Da stehen sie. In einem Zebramantel oder Pandaschuhen oder Gott weiß was für einem unnötigen und ausgefallenen Zeug. Aufgespritzten Lippen, gelifteten Gesichtern, gerichtetem Kinn, gestrafften Brüsten, verlängerten Beinen, gebotoxter Stirn, angelegten Ohren und gekürzten Näschen. Ja, man übersieht sie nicht. Nur sind sie nicht stilvoll. Allenfalls bedauernswert. Nicht annähernd können diese Leute Roger Moore oder Katherine Hepburn das Wasser reichen.
Filme aus den 60er Jahren sind überfüllt mit Charme und Eleganz. Die Frau stand in einem hübschen Kleid und Pumps vor dem Herd, der Mann rauchte seine Zigarre/Pfeife und hatte Mut zum Hut. Nicht wie heute, einer Zeit, wo sich nach einem langen Arbeitstag die Jogginghose angezogen und die Flimmerkiste angeworfen wird. Allerdings war das Weltbild auch ein anderes und Frauen gehören eben nicht mehr nur allein hinter den Herd und Männer sind auch nicht mehr die Alleinverdiener. In diesem Fall: ein klares Plus für die heutige Zeit. Aber es geht ja hier auch gar nicht um die Emanzipation. Sondern um die stets präsente Eleganz, die heute durch das Legere und Coole in den Hintergrund gerückt ist.
Wie schön wäre doch ein stilvoller Mix aus beidem - mal locker und cool, mal elegant und chic.
In diesem Sinne: ein stilvolles Wochenende!
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